148 – Der Fall eines Tyrannen

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[…]

»Und Soldat? Erstatten Sie Bericht!«, Forbes sah seine Untergebene scharf an. Angela schüttelte die Arme ab, die sie festhielten, und nahm Haltung an. Es fühlte sich komisch an, jetzt hier zu stehen. Sie fühlte sich wie ein anderer Mensch. Nicht wie die Person, die gestern aufgebrochen war. Mit ruckartigen Bewegungen glättete sie ihre Uniform, die unter den Ereignissen des letzten Tages zusehends gelitten hatte. Es war nicht einfach, seinem durchdringenden Blick standzuhalten, doch trotzig machte sie einen symbolischen Schritt auf ihn zu.

»Sie müssen die Kampfhandlungen umgehend einstellen! Das sind Zivilisten, die da draußen gerade niedergemetzelt werden!« Sie zeigte mit einer ausladenden Bewegung in Richtung des Schlachtfelds. »Beenden Sie das Blutvergießen oder sie sind nicht besser als Präsident Foster!« setzte sie nach und rollte mit grimmiger Entschlossenheit mit den Augen. Sie hatte nicht gewusst, wie Forbes sie empfangen würde. Er hatte sie als Werkzeug missbraucht und auch, wenn Angela mehr oder weniger auf eigene Faust losgezogen war, hatte diese Ratte von Ed Smith ja seine Befehle von Forbes bekommen.

»Soldat! Ich glaube, Sie sind sich des Ernstes der Lage nicht bewusst? Diese Aggressoren haben den Kampf mit unseren Einheiten angefangen. Wir können es nicht zulassen – gerade nicht in dieser archaischen Welt – das wir uns angreifen lassen und nicht entsprechend darauf reagieren! Außerdem sind dies die Zöglinge des Präsidenten. Seine neue Herrenrasse! Und wenn wir das Unheil nicht an der Wurzel packen …«

Sie versuchte es mit noch mehr Nachdruck unterstrichen mit wilden Gesten: »Das sind Zivilisten, Sir, die mit dem Präsidenten nichts mehr zu tun haben! Dr. Maya Rodrigez hat den Präsidenten getäuscht. Statt seiner Herrenrasse hat sie eine neue unabhängige Gesellschaft geschaffen … das sind friedliche Individuen, die …«

»Soldat! Sie haben Ihre Fahne verraten! Statt Ihre Mission zu erfüllen, haben Sie sich mit dem Feind auf eine Seite gestellt und maßen sich an zu wissen, was das Beste für die Menschheit ist. Diese Klonkolonie ist eine Abscheulichkeit! Entstanden aus der Arroganz der Wissenschaft! Glauben Sie wirklich, wir dürfen das hier zulassen?«

»Sir! Unsere Mission ist es Leben zu bewahren! Der Feind steht nicht da draußen vor den Toren! Der Feind starb in Niagara Falls durch die eigene Biowaffe! Jetzt geht es darum, so viele Leben wie möglich zu retten!«

Jetzt war es an Forbes sich aufzurichten und kerzengerade auf sie herabzuschauen. Sie hatte schon viele Seiten ihres Vorgesetzten gesehen, aber das hier machte ihr zunehmend Angst. »Gunnery Seargant Porter! Ja, unser Primärziel ist es zu überleben! Als geeinte Menschheit! Was sie da als unsere Zukunft heraufbeschwören, ist nur eine Weiterentwicklung dessen, dass die große Katastrophe am Tag X über uns gebracht hat. Verstehen sie nicht, dass wir sie nicht am Leben lassen dürfen?« – Ein weiterer Schritt und er hatte sich jetzt zu seiner vollen Größe vor ihr aufgebaut. Die durch das Hauptfenster der Brücke hereinfallende Sonne warf Forbes Schatten auf Angela. Doch sie durfte nicht aufgeben – es klebte schon genug Blut an ihrer aller Händen!

»Als Sie mich zu sich geholt haben, Sir, wusste ich nicht, wohin ich gehen sollte. Ich war ziellos und hatte meinen Weg verloren. Doch heute stehe ich vor Ihnen und sehe, dass Sie Ihr Ziel verloren haben. Bitte … ich bitte Sie, tun Sie das nicht!«

»Wissen Ihre neuen Freunde, was Sie alles getan haben? Haben Sie Frederiksen schon gebeichtet, dass Sie es waren, die ihn unter Drogen gesetzt hat, um ihn zu diskreditieren? Oder wie viele Unschuldige Sie als Söldnerin aus der Welt befördert haben? Sie wagen es, mir mit Moral zu kommen? Sie?« – Forbes stand in Flammen. Es war offensichtlich, dass er von dem Ganzen überzeugt war, aber noch mehr Tote konnten niemals die Lösung sein …

»Was ist mit den Südstaaten? Sind sie für Sie auch unwürdige Individuen? Wollen Sie die als Nächstes umbringen?« – Angela wusste, dass sie ihn nicht würde überzeugen können. Dass er seinen Weg gewählt hatte – den Weg des Kriegers. Und urplötzlich wirkte er wieder völlig ruhig, als hätte es die Ausbrüche gerade nicht gegeben.

»Was von den Südstaaten übrig ist, hat sich uns heute angeschlossen und Sie sollten am besten wissen, was die Oberen unten in San Diego getan haben. Nichts! Sie haben sich vor der Welt verkrochen, statt einen Ausweg zu finden! Dieses Land muss von eiserner Hand geführt werden. Nicht von einem dieser Sesselfurzer von Politiker! Die haben uns den Tag X gebracht – und die Menschheit an den Abgrund geführt! Wir müssen härter werden. Wir müssen die Sünden der alten Welt tilgen und Buße tun! Denn jetzt schlägt unsere Stunde!« – »Sie meinen Ihre Stunde! Wenn Sie Unschuldige umbringen, sind Sie nicht besser als Präsident Foster!«

Beide waren zu sehr in ihren Monolog vertieft, um zu sehen, dass Quentin van Veidt den Raum betreten hatte, in dem man gerade eine Stecknadel hätte fallen hören. Aber Forbes fokussierte sich auf Angela, zog seine Dienstwaffe und richtete sie auf seine ehemalige Untergebene. Ein Wink mit den Augen und die beiden Wachen, die Angela herein eskortiert hatten, ergriffen erneut beide Arme und drückten sie auf die Knie »Gunnery Seargant Angela Porter. Sie haben sich des Landesverrats schuldig gemacht. Kraft meines Amtes verurteile ich Sie zum Tod durch Erschießen. Irgendwelche letzten Worte?« – Sie schloss die Augen und senkte den Kopf, nur um ihn im nächsten Moment wieder zu heben und Forbes trotzig in die Augen zu sehen. »Wenn ich in Ihrer Welt nicht leben kann, so will ich gerne für die meine sterben!«

Ein Schuss fiel – ein zweiter und Forbes fiel vor der Knienden hin, ein blutiges Loch in der Stirn, doch auch Angela sackte zur Seite weg. Van Veidt war von hinten an Forbes herangetreten. Aus dem Lauf seines Revolvers kreiselte Rauch. Im Raum schien die Zeit gefroren zu sein, unter Angela breitete sich eine Pfütze Blut aus, das langsam aus einer klaffenden Wunde aus ihrer Brust tropfte. »Der Tyrann stirbt, und seine Herrschaft ist vorüber; der Märtyrer stirbt und seine Herrschaft beginnt«, murmelte van Veidt, bevor er die Waffe auf die eigene Stirn richtete und abdrückte. Angela kämpfte sich mühsam nach oben auf die Beine: »Abbrechen! Brechen Sie diesen Angriff sofort ab! Der Wahnsinn muss enden!« brüllte sie, bevor ihr schwindelig wurde und sie wieder rücklings hinfiel – dann wurde ihr schwarz vor Augen wurde und sie verlor das Bewusstsein.

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