144 – Der Abgrund in uns

chap020

Kapitel 20: Der Wahnsinn muss enden …

Frederiksen hatte geglaubt sein Asthma besiegt zu haben und doch konnte er kaum mit Emanuel Schritt halten, der ihn weiter und weiter durch den Bauch der Anlage zog. Zuerst waren sie wieder in der großen Halle angekommen, doch dann hatte Emanuel ihn zielstrebig direkt weitergezogen. Durch eine der hinteren Türen mehrere enge Wartungstreppen nach oben. Frederiksen konnte nicht wissen, dass das genau der Weg gewesen war, über den Emanuel vom Zwischenboden, in dem er so unsanft nach seinem Fall gelandet war, in die Anlage zurückgefunden hatte. Denn dieser befand sich genau über der großen Versammlungshalle und würde ein Riesenloch in dessen Decke reißen und – so hoffe Emanuel zumindest – einen großen Teil der Anlage zum Einsturz bringen.

Die anderen mussten sich inzwischen befreit haben, denn die ganze Anlage wurde inzwischen von rotem Blinklicht und Alarmsirenen geflutet. So waren alle Menschen, die ihnen entgegenkamen, auf der Flucht und strömten an ihnen vorbei oder ließen sie passieren. Worüber er sich jedoch mehr Sorgen machte, war seine Tochter. Sie war zur Salzsäule erstarrt zurückgeblieben. Und Frederiksen musste etwas tun – wenigstens einmal in seinem Leben.

Dann waren sie im Zwischenboden angekommen. Hier würde sie nie jemand suchen, schon gar nicht, wenn alle versuchten, sich in einem tieferen Schacht in Sicherheit zu bringen. »Und jetzt ablegen, Dr. Frederiksen!« – so viel blanker Hass in der Stimme! »Wenn ich schon hier sterben muss, dann sagen Sie mir wenigstens, warum! Warum haben Sie mich verstümmelt! Warum wollen Sie mich umbringen?« Er konnte das Gesicht seines Peinigers kaum erkennen, geschweige denn in diesem Halbdunkel lesen. Und doch war ihm, als sprühte ihm der Hass jetzt aus allen Poren entgegen. Als wäre er kurz vor der Erfüllung seines Lebenszwecks. Wortlos riss er an Frederiksens jetzt frei gewordenen Arm und zog ihn zu einer Wartungsleiter. Schon klickten Handschellen um Frederiksens Handgelenk und eine der Sprossen. Dann wandte er sich wieder der am Boden liegenden Bombe zu.

»Kommen Sie! Thomas, das war doch Ihr Name! Wenn ich hier unten schon draufgehen muss, dann will ich wissen, warum! Das sind Sie mir schuldig!« Endlich fixierte Emanuel Frederiksen und jetzt konnte er die Wut, den Hass und die Verzweiflung ganz deutlich sehen und etwas brach an die Oberfläche, das er wohl lange vergraben hatte. »Schuldig? Sie sind schuldig! Sie ganz alleine! Ihre Entdeckung! Dieser ganze Wahnsinn wäre nicht möglich gewesen, ohne Ihr ach so heiliges Projekt ReGenesis!« – »Mann, das war der Präsident, Ihr Präsident, dem Sie die Treue geschworen haben, der daraus eine Waffe gemacht hat! Hinter meinem Rücken! Ohne mein Wissen!«

»Kommt jetzt etwa so eine Rechtfertigung von wegen, wenn Sie das Ding nicht gebaut hätten, hätte es jemand anders gemacht? Herr Oberschlau? Genauso eine Heuchelei wie damals Oppenheimer darüber, die Atombombe erfunden zu haben … das ist erbärmlich!« – eine kurze Pause, in denen Frederiksen verzweifelt nach Argumenten suchte, um vielleicht doch zu ihm durchzudringen. Doch ihm wollte nichts einfallen! Stattdessen fuhr Emanuel mit seinem Monolog fort: »Meine Eltern starben im ersten Blowout! Und meine … meine …« – »Hören Sie mir zu … das ist Wahnsinn! Es leben kaum noch Menschen auf diesem Kontinent und die verbliebenen müssen endlich aufhören, sich gegenseitig umzubringen!« Doch Emanuel ignorierte ihn: »In 4 Minuten ist es vorbei, dann sind Sie tot und dieser Schandfleck hier von den Karten getilgt! Und es gibt nichts, was Sie Krüppel noch dagegen tun können!«

Frederiksens Blick suchte verzweifelt den Raum ab. Es musste doch irgendetwas geben! Ein Ausweg oder zumindest eine Verzögerung! Denk nach Frederiksen, denk nach! Dieser Raum war dunkel und doch konnte Frederiksen schemenhaft sehen, dass er eine sehr hohe Decke hatte. Der Gedanke an die Windmaschine dieses gigantischen Faux-Fenetre … wenn er nur einen Weg finden könnte …

»Ich hätte Sie Jahre vorher schon ausschalten können! Als Ihre Auftraggeber Sie loswerden wollten, Doktorchen! Ja, ja … aber ich habe gezögert, ich hatte Skrupel! Als ich Sie mit Ihrer Frau gesehen habe … ich hätte Sie miterwischt und sehen Sie, was dann passiert ist? Sie beide sind für den Untergang der Welt verantwortlich! Ich sorge nur für Ordnung!«

Frederiksens Augen hatten sich mehr und mehr an das dunkle Licht gewöhnt und jetzt sah er einige Meter weiter einen kleinen Sicherungskasten, doch der war zu weit entfernt, als dass er ihn mit seinem Fuß hätte erreichen können. Und die letzten Minuten flossen nur so dahin. Es war dieser Moment, in dem im klar wurde, was seine Aufgabe im großen Ganzen war. Und eine innere Ruhe durchströmte ihn und löschte jeden letzten Rest Angst aus: Memento Mori. Er wusste, warum er so viel hatte leiden müssen und was er nun würde tun müssen. Wie auf Autopilot legte Frederiksen seine Handkante auf die Wand. Mit drei, vier schnellen Schlägen ließ er seine rechte Schulter auf seine Hand sausen und brach die Handwurzelknochen. Jetzt war es ein Leichtes seine Hand durch die Handschelle zu ziehen. Den Schmerz hatte er völlig ausgeblendet.

Emanuel beendete gerade seinen Monolog, als Frederiksen bereits am Kasten war, diesen mühsam mit Ringfinger aufhebelte und einfach wahllos begann alle Knöpfe, die er konnte zu drücken. Erst blendete ein großes Flutlicht die beiden, dann begann eine Sprenkleranlage, den Raum zu bewässern. Es war der dritte Knopf, der tatsächlich die gigantische Windmaschine aktivierte und während eine steife Brise das Wartungsprogramm startete und der Wind ihm langsam die Sinne raubte, sah er Emanuel zu Tode erschrocken auf sich zurennen. Als Nächstes begann alles, was nicht niet- und nagelfest war, in ellipsenförmigen Kreisen durch den Raum zu segeln und immer höher zu steigen. Und irgendwann mitten in der Luft hämmerte eine gewaltige Explosion durch die gesamte Anlage und Frederiksens Geist wurde gewaltsam aus der Wirklichkeit gerissen.

[…]

 

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