137 – Im Fokus der Anklage

chap019

[…]

»Nicht nur, dass ihr eine Bombe in unsere Mitte bringt, nein, ihr erschießt auch noch unseren Vorsteher!«, der Choleriker der Angela gegenübersaß, gestikulierte mit angehender Schnappatmung, als hätte er sich eben die Tollwut im Endstadium eingefangen. Und über Angelas Kopf schwebten immer noch nur Fragezeichen. Welcher Vorsteher, welches Attentat und welche verdammte Bombe?! Sie hatte genügend Verhörsituationen erlebt, um zu wissen, dass dieser Mensch, der ihr gegenüber seine Verzweiflung im nächsten Wutausbruch kanalisierte, ihr keine dieser Fragen beantworten würde.

Irgendwie hatte sie sich ihre Mission auch ein wenig anders vorgestellt. Vielleicht hätte man sie entdeckt, es hätte einen dramatischen Schusswechsel gegeben und entweder man hätte sie dann überwältigt oder sie hätten sich ergeben, sobald die Munition zu Ende gegangen wäre. Ein geordneter Rückzug mit einem Flügelmann und einem Passagier war aber keine voll funktionierende Einheit. Zugegeben, es war etwas naiv von Angela gewesen anzunehmen, hier völlig unbehelligt einzudringen. Stattdessen waren sie von einem wilden Mob überrannt worden. Alles keine ausgebildeten Soldaten, aber durch ihre schlichte Menge einfach nicht zu stoppen. Abgesehen davon, dass ‚wild in die Menge schießen‘ ihrem Fall noch weniger weitergeholfen hatte, handelte es sich zumindest auf den ersten Blick um unbewaffnete Zivilisten in weißen Pyjamas. Und jetzt schwitzte sie unter einer Verhörlampe und war an Armen und Beinen mit Kabelbinder am Stuhl vertäut.

Sie hätte sich eine Geschichte aus den Fingern saugen können, die alle drei Fragen auf eine improvisierte Art und Weise aufgenommen hätte oder ihre Ausbildung abrufen und dem Gegenüber seinen Elektroschockstab entreißen und in den Allerwertesten stecken können, bevor dieser auch nur einen Piep von sich gegeben hätte. Am Ende hatte sie sich aber für die passive ‚Ich will mit jemandem sprechen, der hier etwas zu sagen hat‘ Methode entschieden. Das war zumindest im Ansatz diplomatisch – darauf war Angela schon ein wenig stolz – und es verschaffte ihr etwas Zeit. Als man aber diesen Irren Thomas Emanuel hereingetragen und auf den Stuhl neben ihr gebunden hatte, begriff sie, wie falsch sie die ganze Situation eingeschätzt hatte.

Entweder Emanuel war selbst für diese Leute zu verrückt oder er und sie standen gar nicht auf derselben Seite. Wenn das hier aber keine Kolonie der Regierungsfraktion war, wessen denn dann? Und wo genau war diese Bombe hergekommen? Weder sie, Zak, noch Ed hatten etwas außer der Standardausrüstung dabei gehabt. Vielleicht hatte Emanuel sie mitgenommen. Und was war genau mit diesem Vorsteher passiert? Und warum konnte sie sich trotz der Ereignisse der letzten Wochen immer noch kein volles Bild machen?

Sie musterte Emanuel und der bleckte die Zähne. Mit ihm waren diese Jungs wohl noch ruppiger umgegangen, denn des fehlte ein halber Schneidezahn und der Rest der Zahnreihen war blutverschmiert. Alles in allem befürchtete Angela, dass dieser Psycho endgültig die Murmeln abgegeben hatte. Und das machte ihn leider noch viel gefährlicher.

»Da ist ja die Truppe wieder beisammen!«, zischte Emanuel, während er gegen seine Fesseln ankämpfte. Ein Elektroschock in seine Rippen hemmte seinen Tatendrang etwas und ließ ihn eine Ladung Blut auf den Verhörtisch spucken: »Sie machen nur den Mund auf, wenn ich Sie etwas frage!« – Etwas stimmte an dieser Szenerie nicht. Denn normalerweise war es nicht üblich, Gefangene gemeinsam zu verhören. Alleine schon zwei Nahkämpfer dieses Kalibers. Es mochten neben dem Verhörleiter und dem Mann mit dem Elektroschockstab hinter ihnen weitere Wachen vor der Tür warten, aber diese Typen hatten überhaupt keine Ahnung von Verhörführung. Vielleicht konnte sie das für sich ausnutzen?

»Wer hat sie geschickt? Was ist ihre Mission?«, legte der Gegenüber los und wendete sich zuerst an Emanuel, der in monotonem, fast schon gelangweilten Tonfall seinen Standard runterzubeten begann: »Lt. Thomas T. Emanuel, Feldjäger Sondereinsatzkommando, Einsatzgruppe Blau, der Armee der Vereinigten Staaten von Amerika!« – Mehr hatte man in Gefangenschaft nicht von sich zu geben, auch wenn es diese Armee, auf die er sich berief, gar nicht mehr gab. Und weil ihr Verhörleiter weder etwas von der Genfer Konvention, noch von angemessenen Verhörmethoden gehört hatte, erntete Emanuel einen weiteren Stromschlag. Unnötig, auch wenn Angela es diesem Irren von ganzem Herzen gönnte.

»Dann eben Sie! Wer schickt Sie? Und was versprechen Sie sich von Ihrem Angriff auf unsere Stadt?« Als Soldat war es zwar ihre Aufgabe, Namen und Dienstrang herunterzubeten, in dieser Situation aber würde sie etwas völlig Neues ausprobieren … Diplomatie. Forbes würde vor stolz nur so platzen!

»Mein Name ist Angela und ich bin auf der Suche nach einem Freund: Groß, Mitte vierzig und hat nur noch einen Arm – er heißt Frederiksen. Ich und meine Freunde sind hier, um ihn zu suchen und endlich nach Hause zu bringen!« – Kein Elektroschock, erstmal zumindest und auch die Tollwut schien sich schlagartig gebessert zu haben. Der Mann auf der anderen Seite musste wohl gerade noch entscheiden, ob er das Friedensangebot annahm oder ob das hier eine Foltersitzung werden würde. Zumindest beim Namen Frederiksen hatte sie ein kurzes Zucken im Augenwinkel wahrgenommen. »Nun gut, Angela, ich bin Jonas, der Erste. Und solltest du nur hier hergekommen sein, um deinen Freund zu suchen, warum hat dein Begleiter einen taktischen Sprengsatz in unsere Stadt gebracht? Und wähle deine nächsten Worte weise, denn mit Lügnern machen wir kurzen Prozess!« – die Stimme war fokussiert und ruhig und schneidend. Und gerade der vorletzte Satz enthielt garantiert mindestens genauso viel Sprengkraft, wie das Gerät, das Ed wahrscheinlich in seinem Rucksack mit auf die Party gebracht hatte. Und in ihrem Kopf schrie ihr Verstand nur einen Namen, wieder und wieder und mit voller Inbrunst: FORBES! FORBES! FORBES!!!

[…]

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *