135 – Eine Hoffnung stirbt

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Kapitel 19: Die Schläfer

Das Surrealitätslevel hatte einen neuen Höhepunkt erreicht und Frederiksen wusste zunehmend nicht, wie ihm geschah. All diese Eindrücke überforderten ihn völlig. Man verliert nicht alle Tage sein Weltbild. Elijah hatte ihn durch eine riesige Kuppelhalle hoch auf eine Empore geführt, von wo aus er eine riesige Menschenmenge übersehen konnte. Und alle jubelten ihm zu, wie zu einem Popstar. Es fiel ihm zunehmend schwerer, die Distanz zu waren. Um ehrlich zu sein, hatte ihn spätestens die Begegnung mit seiner Tochter davon überzeugt, dass das hier mehr war, als ein Haufen Verrückter, die die Weltherrschaft an sich reißen wollten.

Maya hatte die Chance bekommen, eine neue Zivilisation aufzubauen. Ob er jemals den wahren Grund erfahren würde, warum sie ihn nicht mit an Bord geholt hatte? Als er den Präsidenten kennen gelernt hatte, wie er einer fetten Spinne gleich in seinem Netz in Niagara Falls saß, hatte er jede Hoffnung schon begraben, seinen tödlichen Plan zu vereiteln. Und doch hatte seine Frau genau das geschafft, aber nur zum Preis ihrer selbst. Und doch wirkte diese neue Weltordnung noch so zerbrechlich. Als könnte ein Windstoß sie über den Abgrund führen in das Tal der Finsternis. Elijah machte zwar den Eindruck, als wüsste er, was er da tat, aber er war wie die anderen in einer sterilen Umgebung aufgewachsen und hatte nie die volle Bandbreite menschlicher Gefühle verspürt. Und doch meinte er in ihm eine gute Seite zu erkennen, die Hoffnung machte. Es war vielleicht nicht zu spät und sollte er die Anführer überzeugen können, Frieden mit der Außenwelt zu schließen, konnte das der Beginn von etwas wirklich Bedeutsamen sein. So groß, dass Frederiksen selbst schon bei dem Gedanken erschauderte, er könne ein Teil davon sein. Er der unsichere Bücherwurm, der in wenigen Wochen mehr durchgemacht hatte als in seinem gesamten bisherigen Leben.

Er fühlte, dass hier seine Aufgabe liegen könnte, das Erbe von Maya zu bewahren und all sein Wissen und seine Erfahrungen einzusetzen, dieser Gruppe ein Berater und Mentor zu sein. Mit dem breiten Grinsen überwältigter Dankbarkeit sah er zu Elijah, der das Wort an seine Brüder und Schwestern richtete: »Hört, ihr Söhne und Töchter des Lichts! Wir haben ein Zeichen aus der alten Welt bekommen! Die Zeit ist ge…« – er brach mitten im Satz ab und sein Blick trübte sich. Der junge Mann wirkte auf einmal völlig unkonzentriert und sah sich mit wachsendem Unbehagen um. Dann griffen seine Hände an seinen weißen Overall, in dessen Mitte ein großer roter Fleck sichtbar wurde und sich mit rasender Geschwindigkeit ausbreitete. Schon fiel er nach vorn, schlug sich den Kopf mit einem lauten Knall an der Kante des Emporengeländers auf und blieb leblos liegen, während die Menge in Panik ausbrach.

Frederiksen war vor Schock so gelähmt, dass er erstmal gar nicht realisierte, was da eben geschehen war. Wie aus weiter Ferne sah er, wie ein ihm nur zu vertrauter Mann mit hasserfülltem Gesicht von einer Traube Menschen ergriffen und einer Flut gleich fortgespült wurde. Dann war das Mädchen neben ihm aufgetaucht – seine Tochter – die ihn von dem Geschehen fortzog, während der Saal in einem aufschäumenden Chaos unterging.

[…]

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