133 – Weltschmerz

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[…]

Van Veidt vergrub sein Gesicht in den Händen. Wann war das nur passiert? Er wollte die Welt besser machen – etwas Neues, Schönes, Großes aufbauen. Doch da war etwas im Schatten gewachsen und erst jetzt hatte er begriffen, dass er nur die Maske gewesen war, die Forbes benutzt hatte, um in eine Machtposition zu kommen. Am Anfang hatte er gedacht, dass Forbes und er sich perfekt ergänzten, denn der Ex-Militär konnte Dinge durchsetzen, die van Veidt verwehrt geblieben waren.

Nach dem Kollaps hatte van Veidt zwar sein Geld aber fast keinen Einfluss mehr. Und all der Reichtum war in einer Welt ohne Börsen und Aktienmärkte kaum noch etwas wert. Dann hatte er Forbes getroffen – mehr durch Zufall, wie er damals gedacht hatte. Ein glücklicher Zufall zu jener Zeit, vielleicht schon der Beginn eines perfiden Plans nach den letzten Ereignissen. Forbes war gerade aus dem aktiven Armeedienst in den Ruhestand entlassen worden – so hatte er es ihm zumindest damals erzählt. Vielleicht hatte man ihn auch kaltgestellt oder er war in seiner Position eine persona non grata geworden.

Das spielte jetzt aber auch keine Rolle mehr, denn er hatte die Kontrolle übernommen und van Veidt die Kraft verloren, dagegenzuhalten. Er war nur noch eine Puppe auf dem Abstellgleis, denn Forbes wusste genau, dass van Veidt bestimmte Entscheidungen nicht treffen konnte – zumindest nicht mehr. Das Koma und der Kampf zurück ins Leben, hatten die letzten Kraftreserven geschluckt und das Feuer der Kampfeslust endgültig erstickt. Und als der Schleier heute bei den Verhandlungen fiel, hätte van Veidt sich verfluchen können, es nicht schon früher kommen gesehen zu haben.

Jetzt hatte er sich in seine Kabine auf der USS Midway zurückgezogen, denn für den Kampf war er nicht gemacht. Er hatte Forbes das Feld überlassen – kampflos – und dafür schämte er sich. Die Schuld, die er in sich spürte, war wie ein Fallball herabgestoßen und hatte jeden Zweifel über van Veidts Rolle als schmückendes Aushängeschild hinfort geweht. So blieb ihm nichts mehr und seine innere Leere, die er mit dem guten Gefühl, das Richtige getan zu haben, hatte füllen wollen, war geblieben.

Van Veidt hatte alle seine Freunde und Verwandte in dem großen Chaos, das auf den Tag X gefolgt war, verloren. Und jetzt erinnerte er sich wieder an das erste Treffen mit General-Ade Martin Forbes. Es war in einer Kneipe am Stadtrand von San Antonio gewesen. Er hatte seinen Weltschmerz ertränkt, weil er seine Vision verloren hatte. Dann war der alte Militär gekommen, hatte ihm ein Bild einer wiedererstandenen und -erstarkten Welt gezeigt, in der alle in einem gemeinsamen Miteinander lebten. Und damit waren die alten Geister wieder zum Leben erwacht. Van Veidt, der selbst nur einige Jahre jünger als Forbes war, hatte einen Plan und einen Partner, der ihm helfen würde, ihn umzusetzen.

Geblieben waren von ihm nach all den Jahren nur eine leere Hülle und das Gefühl, nur noch eines tun zu können. Er zog ein kleines Kästchen aus einer Tasche hervor, das einen historischen Colt enthielt, wie man ihn zu Zeiten des Wilden Westens benutzt hatte. Er öffnete die Trommel, drehte sie emotionslos und füllte eine Patrone ein. Wieder zugeklappt ließ er die Trommel erneut drehen und hielt sich den Lauf direkt an seine Schläfe. Wie seine Chancen wohl standen? Jetzt spannte er den Hahn, kniff die Augen zusammen, presste die Luft aus den Lungen und drückte ab.

[…]

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