130 – Das Faux-Fenêtre in die Welt von Morgen

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[…]

»Sie haben sich ja oft nach unserer fliegenden Stadt erkundigt«, begann Elijah, während Frederiksen einen Schritt auf den Gang hinaus wagte, zu dem Elijah ihn aufgefordert hatte. »Sie hatten lange genug Zeit sich zu akklimatisieren und Sie haben unsere Eva bereits kennengelernt.« Er führte Frederiksen immer weiter durch Flure, die Frederiksen aber völlig fremd vorkamen. Dann wurde ihm bewusst, dass er bis auf zwei Male den Salon nicht verlassen hatte. Sogar die Mahlzeiten hatte man ihm serviert.

»Um ehrlich zu sein«, ohne auf eine Reaktion von Frederiksen zu achten, fuhr Elijah mit seinem Monolog fort, »die Stadt fliegt nicht, aber das werden Sie sich wahrscheinlich gedacht haben.« Es überraschte Frederiksen nicht, wenn auch er ihnen dieses Kunststück zugetraut hätte. »Wir befinden uns nach wie vor in einem Bunkerkomplex. Diese Illusion wurde geschaffen, um das Leben unter Tage erträglich zu machen, zumal der Plan vorsah, einige Jahre hier zu leben. In der Tat ist das Stockwerk, das sie bisher bewohnt haben, eigentlich als Erholungsbereich mit Sauna und Ruheräumen geplant worden. Dieser Salon hatte früher noch einen Billardtisch, aber wir wollten den Platz lieber sinnvoller nutzen.« – »Deshalb gibt es auch keinen erkennbaren Zugang, oder? Das hier ist der perfekte Isolationsraum«, ergänzte Frederiksen.

»Sehen Sie selbst«, Elijah und Frederiksen betraten einen großen Raum mit einem Springbrunnen in der Mitte, den vier übergroße Bonsaibäume säumten. Der Boden war von feinem Sand bedeckt: ein Zen Garten, dachte Eric. Sie überquerten den kleinen Saal, um vor einer Säule stehen zu bleiben. »Die perfekte Illusion …«, schwang Elijahs Stimme voller Stolz über diese Anlage. Frederiksen dachte kurz an die Bunkerkomplexe, die man in den 70iger, 80iger Jahren in den Staaten errichtet hatte, zur Zeit des Kalten Kriegs mit dem Ostblock. Dagegen wirkte dies hier wie das Penthouse eines reichen Scheichs.

Unbemerkt hatte sich die Säule aufgeschoben und ließ sie auf den Rundgang, um den Komplex treten. Doch jetzt fuhr vor ihnen ein Steg aus, der in die Wolkenbank führte und Frederiksen betrat voll Staunen den Himmel, der nach 15 Metern vor einem Schleusenschott endete. Für einen kurzen Moment meinte Frederiksen einen Schrei zu hören, aber vermutlich spielten seine Ohren ihm einen Streich. Sein Kopf war auch viel mehr damit beschäftigt zu realisieren, dass er nicht durch Wolken schritt. Das wirkte in der Tat so real, als wären sie auf einem Gipfel. Was dieser ganze Aufbau die Steuerzahler gekostet haben musste – oder hatte der Präsident noch andere Geldgeber gewinnen können?

Als er durch die Schleuse getreten und Elijah ihm gefolgt war, schloss sie sich mit einem Zischen und Dampf wallte hoch. Er schloss beide kurz ein und Frederiksen hatte für einen Augenblick den Geschmack von Pfefferminz im Mund. »Beeindruckend, das muss ich zugeben, aber was verschweigen Sie mir noch? Und wo ist …« – »Ihr geht es gut!«, unterbrach ihn Elijah, »Und Sie haben nicht einmal die Hälfte gesehen! Ich gebe Ihnen bei Gelegenheit die Panoramatour. Jetzt wollen erstmal die anderen Sie kennenlernen.«

Hinter der Schleuse sah der Rest der Anlage wieder wie der Bunker in Newark aus. Mit einem zentralen Korridor und um einen Aufzug herum gebaut, wie ein riesiger Kreisel. Und mit dem Fahrstuhl ging es jetzt weiter in die Tiefe. Es mochten weitere 15 Stockwerke gewesen sein, das Ding war allem Anschein nach in den Turbomodus geschaltet worden und besaß außer dem Keypad für die Eingabe des Stockwerks keine sichtbaren Anzeigen.

Und dann betraten sie den Versammlungsraum, der sicher an die 5.000 Menschen gefasst hatte, die eine entsprechende Geräuschkulisse erzeugten. Seit Jahren hatte Frederiksen nicht mehr so viele Menschen auf einem Haufen gesehen. Er schluckte. »Das sind unsere Oberen«, merkte Elijah völlig beiläufig an, »Jedem Oberen unterstehen 2 Mittlere und denen jeweils 3-4 Untere …« Frederiksen wurde schwindelig bei all den Gesichtern. Und jetzt sah er auch, dass sie weder nur männlich waren, noch alle den Genen des Präsidenten entsprungen waren. Und langsam wurde ihm bewusst, was Maya getan hatte. Wo zum Teufel war er nur hineingeraten!

[…]

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