122 – Der Balken im Auge

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[…]

Frederiksen hatte Elijah zu einem Raum begleitet, der ihn an sein Krankenzimmer damals in Washington erinnerte. Fehlte nur noch die Schwester, witzelte er mit sich selbst, um die innere Anspannung in den Griff zu bekommen. Er hatte wirklich Angst vor Elijah. Auch wenn er wie ein normaler Mensch aussah, zeigte er trotzdem kaum Gefühlsregungen. Er hatte Eric aufgefordert, sein Gesicht gegen einen Türscanner zu pressen, der ein massives Schott am Ende des Raumes in Bewegung versetzte. Dahinter befand sich eine Art begehbarer Safe, der Maya’s zusammengetragene Forschungsunterlagen zu enthalten schien.

Regenesis, Purity und wer wusste schon, welche weiteren Geheimprojekte hier minutiös dokumentiert worden waren. Ein perfider Überplan für die Erschaffung einer neuen Gesellschaft. Doch dieser Plan hatte bereits kaum übersehbare Risse bekommen. Purity wurde aufgehalten. Doch mit den Shangrilla-Forschungen konnten sich seine Entführer vor der lebensfeindlichen Umwelt immunisieren und Frederiksen hatte ihnen den Schlüssel dazu in die Hand gedrückt.

Er fühlte sich alt und verbraucht. Konnte es das gewesen sein? Was war aus van Veidt und Forbes geworden. Würden sie bereits nach ihm suchen? Und Angela, was war mit ihr? Zum ersten Mal seit Tagen erinnerte ein ziehender Phantomschmerz Frederiksen an seinen fehlenden Arm. Und damit an Emanuel, der ihn ein weiteres Mal gekidnappt und ans Ende der Welt gebracht hatte. Immerhin passten diese Irren wunderbar zu diesem Soziopathen.

Nachdem Frederiksen seine Schuldigkeit getan hatte, begleiteten ihn die beiden Wachen zurück in sein Zimmer. Was ihn ein wenig stutzen ließ, war, dass er bislang nur diese drei Brüder hier getroffen hatte. Das konnte doch nicht die neue Weltordnung sein. Dann war er zum ersten Mal seit seiner Gefangennahme allein. Oder? »Dr. Frederiksen? Bitte bewahren Sie Ruhe und lassen sich nichts anmerken! Damit niemand Verdacht schöpft!«

Er erkannte die Stimme von Emanuel direkt. Was für ein krankes Psychospiel hatten sie jetzt wieder mit ihm vor? Zögerlich bewegte er sich etwas weiter auf die Stimme zu. »Ist das eine neue Verhörmethode? Oder warum kriechen Sie jetzt durch die Luftschächte? Ah, Sie haben sich so an das Kriechen gewöhnt, das …« – »Dr. Frederiksen, ich verstehe Ihren Sarkasmus. Der wird uns nur leider hier nicht weiterhelfen. Diese Leute sind nicht die, für die Sie sie halten. Die sind gefährlich! Wenn Sie leben wollen, müssen Sie mir genau zuhören!« – »Meinen Sie im Ernst, ich traue Ihnen weiter als ich spucken kann? Für wie naiv halten Sie mich?«

Ein Seufzen kam vom Gitter her. »Nein, Sie haben keinen Grund mir zu vertrauen, außer dem, dass ich der Einzige bin, der Sie hier rausholen kann! Ihre Freunde werden Ihnen nicht mehr helfen! Sie sind ohne mich erledigt!« – ein klassischer Pokerschachzug, den Frederiksen aber klar als solchen erkannte. »Sie brauchen mich, sonst hätten Sie mich längst umgebracht! Mann, was muss ich Ihnen persönlich angetan haben, um so viel Hass auf mich zu laden …« – doch sein Gegenüber ging auf das Spiel nicht ein: »Waffenstillstand, einverstanden? Ich brauche Ihre Hilfe und Sie die meinige! Keiner will als Kannibalenfutter enden!«

Ob er es wirklich ernst meinte? »Erst foltern Sie mich, dann entführen Sie mich … entscheiden Sie sich mal! Ich versuche mein Glück lieber mit den Irren hier, als mit Ihnen!«

[…]

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