117 – Die Kammer der Schläfer

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Thor’s Hammer hatte einen riesigen Krater mitten in die Stadt gerissen und jede Spur des Gebäudes vom Antlitz der Welt getilgt. Angela war viel gewohnt und hatte noch mehr gesehen. Das Ausmaß dieser Zerstörung ließ sie für einen Moment ehrfürchtig schlucken. Sie hatte diese Waffe jetzt schon einige Male im Einsatz gesehen, aber an ihren Wirkungsgrad konnte sie sich immer noch nicht gewöhnen. Dabei handelte es sich strenggenommen nur um ein Dutzend strategisch gezielter Explosionsprojektile, die von einer Satellitenplattform in stationärer Erdumlaufbahn aus abgefeuert wurden. Doch durch gezielten Einsatz konnte der Wirkungsgrad genau so berechnet werden, dass man nur Minuten später wieder vorrücken konnte und lediglich das Ziel mit chirurgischer Präzision entfernt wurde.

Als sich der Staub langsam zu lichten begann, konnten sie bis zum Boden des Kraters sehen. Dort klaffte jetzt auch ein Riss, der in den Keller einer Art Bunkerkomplex führte. Die Purity-Plantage diente also vor allem zur Verteidigung und Abschreckung, während sich das wahre Geheimnis darunter befand. Nachdem sie Forbes einen kurzen Statusbericht gegeben hatte, rückte sie mit ihren beiden Begleitern wieder vor, befestigte ein Seil an einem stabil wirkenden Fundamentsplitter und glitt daran hinab in die Tiefe. Auf halbem Weg zündete sie eine Magnesiumfackel und ließ das sprühende Leuchtfeuer in in den schwarzen Schlund fallen. Das rote Leuchten ließ noch weitere Details deutlich werden. Es mussten noch an die 25 Meter sein, bevor sie am Bunkereingang wieder festen Boden unter den Füßen bekamen.

Die Schleuse am Eingang hatte der Druckwelle von Thor’s Hammer standgehalten und ließ sich mit vereinten Kräften aufziehen. Dahinter folgte eine Sauerstoffdusche, bevor es in den Empfangsbereich des Bunkers ging. Ein großer Raum mit abgetrennten Warteschlangenbereichen, wie man das aus der alten Welt beim Einchecken am Flughafen her gekannt hatte, schien eine Art Transitstation zu beinhalten, die – so spekulierte Angela – vielleicht mit der Basis in Newark verbunden gewesen war.

Die Tische und Stühle waren überstürzt verlassen worden, das musste aber schon eine Weile her sein. Wer auch immer diese Anlage für was auch immer benutzt hatte, hatte den Eingangsbereich in Ruhe gelassen. Sie drangen also weiter durch einen Gang zu einem Treppenhaus vor, das sie über eine Wendeltreppe noch 5 Stockwerke tiefer in den Bauch des Komplexes führte. Eine weitere Schleuse führte in einen Raum von gigantischen Dimensionen. Gesäumt von Zylindern an Zylindern, die Angela entfernt an Kühlschränke im Supermarkt erinnerten – oder an Schneewittchens Glassarg. Alle Türen dieser Behältnisse standen offen, sahen aber auf den ersten Blick benutzt aus, als wären Tausende und Abertausende hier vor kurzem erwacht und einen langen Winterschlaf beendet. Ihre AR-Ausrüstung enthielt auch einen 3D-Scanner, über den Angela jetzt einige Scans machte, die Anlage war aber so groß, dass sie mit der Auflösung des Apparats nur einen Teil kartographieren konnte.

Sie hatten angenommen, dass der Spuk vorbei und Präsident Foster und seine ehemalige Regierung keine Gefahr mehr wären. Wie naiv diese Gedanken ihr jetzt erschienen. Aber noch viel mehr machte ihr die Antwort auf die Frage Angst, die sich daraus ergab: Wo waren diese Schläfer jetzt und was hatten sie als Nächstes vor?

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