116 – Ein Blick von oben

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Das Nietzschezitat über den Abgrund, der dem Betrachter in die Seele sah, hätte nie wahrer sein können. Wie lange Frederiksen in die Tiefe auf das blaue Meer gestarrt hatte, konnte er nicht mehr sagen. Er war so gebannt gewesen, dass er auch die sich nähernden Männer nicht wahrgenommen hatte. Jetzt kam der Anführer langsam und vorsichtig mit ausgestreckter Hand auf ihn zu, als würde er versuchen ein scheu gewordenes Pony zurück in den Stall zu führen: »Ich sagte ja, eine kleine Einschränkung gibt es leider in unserer Gastfreundschaft. Ich glaube, wir haben uns auf dem falschen Fuß kennen gelernt, Eric, also vielleicht nochmal von vorn. Ich bin Elijah Foster und quasi so eine Art Vorsteher. Es muss ja leider immer jemanden geben, der für etwas Ordnung im Chaos sorgt.« Foster war jetzt bis auf wenige Meter näher gekommen und endlich fiel bei Frederiksen der Groschen. Elijah Foster musste mit dem Präsidenten verwandt sein!

»Sind Sie sein Sohn?«, fragte Eric, als er sich endlich vom Anblick gelöst hatte. Elijah verzog keine Miene, als hätte er mit genau dieser Frage gerechnet. Insgesamt schien es nichts zu geben, das den jungen Mann aus der Reserve locken konnte. »Um es einfach zu halten, sage ich jetzt einfach mal ‚Ja‘. Auch das ist etwas komplizierter, aber kommen Sie doch wieder unter Deck. Hier ist es auf die Dauer etwas frisch und springen wollen Sie nicht. Nicht wirklich. Wir können das Gespräch also gerne in einer etwas gemütlicheren Atmosphäre fortsetzen.«

Frederiksen hob die Hände mit offenen Handflächen als Zeichen des Friedens. Kämpfe an einem anderen Tag, dachte er sich. Wenn er mehr über diesen Ort in Erfahrung bringen konnte, könnte er vielleicht …« – er ließ sich von den beiden anderen wieder ins Innere des Komplexes eskortieren und versuchte sich auf dem Weg so viele Details wie möglich einzuprägen. Niemand von seinen Leuten kannte diesen Ort, dementsprechend war nicht mit Hilfe zu rechnen. Er würde also gute Miene zum bösen Spiel machen und sich anhören, was man ihm sagen wollte.

Wo auch immer er hier war, es war über Wasser und zumindest aus der aktuellen Himmelsperspektive war kein Land in Sicht. Dennoch glaubte er nicht, dass sie zu weit von der Küste entfernt waren, denn irgendwie mussten sie ja vom Land hier herkommen und Vorräte und Ausrüstung an Bord bringen. Und das erforderte etwas mehr Logistik. Er hatte auch keine Ahnung, wie groß dieses Luftschiff war, aber er hatte weder Motoren gehört noch sonst etwas, dass ihren Flug erklären würde. Vielleicht stand das Ding ja zumindest auf Stelzen. Es war eigentlich unvorstellbar, so etwas nach dem grpßen Zusammenbruch am Tag X bauen zu können. Es mochte also bereits älter sein.

Die Gänge erinnerten Frederiksen am ehesten an ein Schiff. Nach oben hin war der Himmel wolkenlos, da war kein Ballon oder etwas anderes gewesen. Er musste einen Weg finden, mit Forbes oder van Veidt in Verbindung zu treten. Mit Handynetz war hier nicht zu rechnen, denn das gab es nur noch in den großen Städten. Aber so etwas wie eine Funkbude, wie auf einem Schiff, könnte es geben. Jetzt waren sie in einem Salon angekommen, der ein wenig an die Ära Jules Vernes und dessen schwimmende Stadt erinnerte, wie hieß die noch gleich: die Perle des Pazifiks. Seine Entführer hatten zumindest Stil. Und sich bei einem Whiskey verhören zu lassen – er hätte es schlimmer treffen können. Er musste auf seine Chance warten und er würde sie nutzen. Der Wahnsinn musste ein Ende haben!

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