109 – Rekonvaleszent 

chap015

[…]

»Sie sehen schon deutlich besser aus, Soldat!«, Forbes musterte Angela gewohnt forsch, als er ihr Krankenzimmer betrat. »Zwei Tage sind auch mehr als genug, Sir, eine Stunde mehr und ich gehe die Wände hoch!«, entgegnete Angela, während sie immer noch sichtlich angeschlagen ihre zerrissene Uniformjacke überzog. Doktor Randle hatte sie noch ein paar Tage zur Beobachtung im Krankenrevier behalten wollen, aber das wäre für sie nicht in Frage gekommen. Es gab nichts Schlimmeres für sie, als untätig in einem Krankenbett zu liegen.

»Voller Tatendrang, sehr gut, Gunnery Seargant!«, der Vorgesetzte zögerte kurz, bevor er fortfuhr, »Die Aufklärung sammelt gerade noch Informationen. Wir sind noch nicht fertig« – »Und Frederiksen? Gibt es Hinweise?«, bohrte Angela nach. Doch der Gesichtsausdruck des Militärs war eindeutig. Sie quittierte mit einem Nicken und steuerte an ihrem Vorgesetzten vorbei, der sie kurz am Ärmel festhielt: »Nutzen Sie die Pause! Heute um 1900 habe ich Ihren nächsten Auftrag.«

Sie entzog sich und verließ den Raum. Noch leicht humpelnd gegen Schmerzen ankämpfend bestieg sie auf dem Parkplatz einen Jeep. Zeit zu sehen, ob ihr kleines Appartment in der City den Angriff überstanden hatte. Als der Wagen den Stützpunkt hinter sich gelassen hatte, konnte man schon die ersten Schäden der Attacke sehen. Das wahre Chaos offenbarte sich aber, als sie die Innenstadt passierte. Sie kam nur im Schritttempo voran, weil die Straßen kaum befahrbar waren.

Bilder der letzten Nacht blitzten vor ihrem geistigen Auge auf. Und trotzdem wirkte das alles bei Tageslicht so unwirklich, als würde sie durch die Kulissen eines schlechten Katastrophenfilms steuern. Hier und da machten sich die ersten Helfergruppen daran, den Schutt einzusammeln und mit kleinen Baggern am Straßenrand zu stapeln. Es mochte Monate dauern, bis hier wieder ein normales Leben möglich war. Selbst die Aufstände damals gegen die alte Regierung zum Tag X waren nicht so verheerend gewesen.

Am Ende stand sie vor ihrem Appartment, das in der Innenstadt südlich genug gelegen war, um den Angriff zu überstehen. Sie musste den Kopf frei bekommen, damit sie sich wieder auf ihre Mission konzentrieren konnte. Das alles, was die letzten Wochen passiert war, war viel zu viel für ihren Kopf. Es aber einfach auszublenden, wie sie es früher getan hatte, wollte ihr nicht gelingen. Da war Frederiksen, der in der Gewalt der Gegenseite war und mit dem sie weiß Gott etwas anstellten. Und immer wieder wanderten ihre Gedanken zu Amy Anderson und ihrem Tod, der Angela so sinnlos erschien. Warum hatte es nicht sie erwischt? Sie ärgerte sich über sich selbst.  Warum nur hatte sie diese Menschen so nahe an sich herankommen lassen? Sie alle würden sterben und Angela konnte nichts dagegen tun. Sie wünschte sich ihr altes Leben zurück, wo sie Frederiksen ohne mit der Wimper zu zucken unter Drogen gesetzt hatte, ohne über Konsequenzen nachzudenken. Es war ein einfaches und klares Leben gewesen, aber so und nicht anders wollte sie es. Und jetzt war alles anders und es führte kein Weg zurück.

Diese Hilflosigkeit – sie musste unbedingt etwas dagegen unternehmen. Nein, sie musste aktiv werden und ihr erstes Ziel war Frederiksens Appartment. Klar hatte Forbes die Unterlagen von Dr. Maya Fernandez, aber vielleicht hatte Frederiksen auch selbst noch etwas in Besitz, das eine Verbindung zu der Gegenseite besaß. Ein dünner Strohhalm, schließlich hatten Frederiksen und seine Frau seit dem Tag X keinen Kontakt mehr miteinander gehabt. Doch irgendwie spürte sie, dass da vielleicht noch mehr war, was Frederiksen selbst übersehen hatte. Ein paar Stunden blieben ihr auch noch bis zum Briefing bei Forbes. Sie würde die Zeit nutzen.

[…]

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