107 – Ein Splitter aus Licht

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Die große Panoramakuppel war geborsten und von wildem Grün durchwebt. Splitter aus Licht zogen sich bis tief unter die Anlage in einen Raum, der von tausenden Zylindern gesäumt wurde und bis zum Fall der Stadt unentdeckt geblieben war. In jedem dieser metallenen Särge regte sich Leben und wartete nur darauf, aus einem Dornröschenschlaf geweckt zu werden.

Auch bis hier her hatten sich die Ranken gegraben und Risse in das Betonfundament getrieben. Von der Hauptkammer gingen viele kleine Räume ab, die durch verwitterte Schriftzüge am Boden als ‚Willkommenszonen‘ gekennzeichnet waren. Von hier aus verzweigte sich ein weites Netz aus Gängen und Schlafquartieren, die einer fünfstelligen Anzahl von Menschen hätten Platz bieten sollten. Vor allem wichtigen Persönlichkeiten, Wissenschaftlern, Funktionären und deren Familien. Einem kleinen olympischen Dorf gleich.

Doch am Ende war alles ganz anders gekommen. Denn solche Anlagen hätte es ursprünglich im gesamten Land geben sollen. Aber dann war der Plan beschleunigt und die Budgets zusammengestrichen worden. Diese weiträumige Bunkeranlage war das Kernstück eines unmöglichen Traums gewesen. Hier hätte der elitäre Teil der Bevölkerung Schutz finden sollen. Eine Arche im See aus grünem Tod.

Doch als der Präsident am Tag X den Notstand ausrief, blieben die Tore für die Flüchtlinge verschlossen. Und dann kam die grüne Flut, die ursprünglich die Welt für eine Gruppe ideologisch geblendeter Rassisten hätte reinwaschen sollen, am Ende die unerwünschten Menschen aber nur in die Küstenregionen getrieben hatte.

Jahre später ließen sich hier benachbarte Nomadenstämme aus Seatle nieder und der ursprüngliche Sinn und Zweck dieser Anlage geriet in Vergessenheit. Doch verborgen im Untergrund schlummerte das Geheimnis vor sich hin, bis der Katalysator schließlich die ursprünglich geplante Apokalypse ausgelöst hatte. Dann waren Späher des Präsidenten gekommen und hatten die Anlage reaktiviert.

Doch womit ebenfalls niemand gerechnet hatte, war, dass ein Ingenieur und ein Biologe die Purity-Züchtungen hatten stoppen können. Der große Plan schien also erneut gefährdet und Thomas Emanuel musste improvisieren. Nur so konnte er das Erbe des Präsidenten noch schützen. Und Frederiksen würde ihm helfen, ob er wollte oder nicht. Bald würde die alte Maschine wieder laufen, die allerletzte Phase einläuten und Emanuel seinen Platz in den Geschichtsbüchern sichern. Mit ein wenig Stolz setzte er seinen Jet in den Ruinen nieder, schulterte den leblosen Frederiksen und machte sich auf zum Herzen der Bestie, um seine Bestimmung zu erfüllen diesen Biologen endlich loszuwerden. Bis dahin musste er noch Vorbereitungen treffen, doch er sehnte den alles entscheidenden Moment bereits jetzt herbei. Einen Moment, den er in vollen Zügen auskosten würde …

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