104 – Das Leben einer Freundin

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[…]

Angela hatte alles gegeben und doch verloren – oder nicht? Es war dunkel um sie herum und ein Gefühl der allumfassenden Einsamkeit ließ sie nicht mehr los. Was war das Letzte, an das sie sich bewusst erinnern konnte? Da waren Bruchstücke, die sie nicht mehr ganz zuordnen konnte. Ein Gesicht, das mit ihr sprach und das sie gut kannte. Um sie herum war aber alles in dicken Nebel gehüllt. Was hatte der Mann gesagt? Sie solle nicht gehen … war es das? Aber sie wollte auch nicht gehen. Da war noch die Aufgabe, die vor ihr lag. Sie musste mit diesem Frederiksen, mit Eric, die Welt retten.

War sie tot? Weil da um sie herum nur ein großes Nichts war? Erinnerungsfetzen an ihre Reisen der letzten Wochen und ein fremdartig aber zu gleich vertrautes Gefühl. Ja, damals in diesem Bunker hatte sie schon einmal so etwas erlebt. Kurz bevor Amy Anderson gestorben war und Angela sich selbst die Schuld dafür gegeben hatte, auf die Wissenschaftlerin nicht aufgepasst zu haben. Und wie nahe sie sich Amy gefühlt hatte. Und ja, auch diesem Frederiksen, wohl aber mehr auf eine Stiefgeschwister-Art-und-Weise … ihre neue Familie.

Und sie hatte ihr Leben gegeben, um Frederiksen zu beschützen – wenn schon nicht Amy. Daran erinnerte sie sich noch. Der Unfall, ein Schmerz und viele wirre Gedanken später lag sie jetzt hier. Und ihre Umwelt um sie herum war völlig ausgeblendet in einem Nichtsein. Als würde es keine Welt da draußen geben.

Es war genau dieser Moment, als eine Tür geöffnet wurde und Licht in den Raum strömte, in dem ihr klar wurde, dass sie doch noch irgendwo sein musste. Das Rascheln von Vorhängen – und unmittelbar schwebte sie statt in Dunkelheit in einem strahlenden Kokon aus Licht. Eine Frauenstimme erkundigte sich nach ihrem Wohlbefinden. Jetzt hörte sie auch ein Fiepen, das ihrem Herzschlag folgte. Ein rhythmischer Ausschlag auf einem Oszillogramm, der bestätigte, dass Angela Porter das Abenteuer überlebt hatte. Schnell dachte sie an ihre erste Erfahrung mit Shangrilla zurück und sie suchte nach Hinweisen, dass dies doch kein Traum war. Nein, das hier musste real sein! Hatten sie es geschafft? Hatten sie Projekt Purity aufgehalten?

»Ganz ruhig«, versuchte die Schwester sie zu beruhigen, »Das ist ein bisschen viel auf einmal! Sie müssen doch erst einmal wieder zu Kräften kommen!« – doch Angela bohrte weiter nach: »Was ist mit Frederiksen und San Diego? Und wo bin ich?« Aber die Schwester blieb hart und verabreichte Angela eine Spritze, die wohl eine Art Beruhigungsmittel enthalten musste. Zumindest wurde Angela direkt wieder schläfrig und schloss die Augen.

Und dieses Mal träumte sie … von Amy. »Hey, Kriegerprinzessin! Du hast es geschafft! Mission erfüllt!«, begrüßte Amy Angela mit einem Strahlen. Und zum ersten Mal hatte Angela das Gefühl, sie könne sich fallen lassen. In der Truppe galt das als Todsünde. Nie die Deckung vernachlässigen, sonst bist du das nächste Opfer! Und auch wenn ihr deutlich bewusst war, dass das hier nur ein Traum war, genoss sie einige kostbare Augenblicke mit einer Freundin, die sie nie gehabt hatte und die sie nie kennen lernen würde. Denn zum ersten Mal erfüllte sie die Begegnung nicht mit Trauer, sondern mit Erfüllung und Dankbarkeit. Sie ließ sich einfach weiter treiben, bis zum Horizont und noch viel weiter.

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