101 – Kollateralschaden

chap014

[…]

Frederiksen befand sich gerade wieder in seiner Heile-Welt-Fantasie, als er durch mehrere Ohrfeigen zurück ins Land der Schmerzen gezerrt wurde und er sich Angela gegenübersah, die ihn im halben Dämmerzustand auf ein Motorrad setzte. Langsam kam die Erinnerung an die letzten Minuten vor seinem Knockout wieder an die Oberfläche und dann war alles wieder da. Der Schmerz, das Bewusstsein, um ihre verzweifelte Mission und ja, auch ein kurzes Aufflackern von Erleichterung, dass Angela es war, die ihn gefunden hatte und auch, dass es ihr gut ging. Irgendwie hatten sie die Erlebnisse der letzten Tage eng zusammengeschweißt.

Aber für solche Gedanken war jetzt keine Zeit, denn eigentlich musste er schon allen Fokus aufbringen, um bei dem rasenden Tempo, das Angela mit dem Motorrad vorlegte, nicht von der Maschine zu fallen. Und diese unheimliche Sirene, die vom nördlichen Stadtrand zu kommen schien, jagte ihm eine Gänsehaut ein.

»Wir müssen einen Sender finden!«, brüllte er gegen den Fahrtwind an, »Ich weiß, wie wir diese Dinger stoppen können!« Er wusste aber nicht, ob Angela ihn gehört hatte, denn auch sie schien alle Aufmerksamkeit auf das Fahren zu lenken. Es war verdammt dunkel in den Straßen und außer dem Lichtkegel des Bikes war der Rest ihres Weges in völlige Dunkelheit getaucht. So hatte er absolut keine Ahnung, wohin sie gerade unterwegs waren. Er versuchte, den Kopf noch etwas zu drehen, um sich umzusehen, doch sie umgab nur eine dichte Schwärze. Die Stadt schien auch evakuiert worden zu sein. Wo verdammt nochmal waren alle.

Im nächsten Moment sah er ein kurzes Aufblitzen in der Dunkelheit neben sich, und bevor er sich es versah, hatte sich eine Ranke durch die Speiche geschoben. Durch die Energie, die jetzt von der gestoppten Drehung auf den Rahmen des Gefährts übertragen wurde, riss eine unbändige Gewalt das Motorrad nach vorne und Angela und Frederiksen wurden wie Spielbälle quer durch die Nacht auf eine Lichtquelle zugeschleudert. Der Aufprall war hart, aber nicht annähernd so schlimm, wie bei ihrem Absprung. Irgendetwas fing seinen Sturz auf und presste nur die Luft aus seinen Lungen. Es folgte sein erster Asthmaanfall, seit die Behandlung mit Shangrilla begonnen hatte. Mühsam kämpfte er mit Lippenbremse die Luft aus der Lunge und die Atmung beruhigte sich langsam wieder.

Das gab ihm zudem einen klaren Moment, um sich zu orientieren. Er lag auf einer alten Matratze, umgeben von einer Menge Sperrmüll, der sich in einer Nebenstraße angesammelt hatte. Wirklich Glück im Unglück. Angela hatte das aber nicht geholfen. Sie war in einen Turm aus verrosteten Einkaufswägen gestürzt und hing dort hilflos verkrampft halb in der Luft. Frederiksen kämpfte sich auf die Beine und krabbelte zu ihr herüber. »Angela! Angela, alles in Ordnung?«, doch außer einem Stöhnen kam keine verständliche Antwort. Behutsam löste er den Riemen ihres Helmes, damit sie mehr Luft bekam. Ein Rinnsal aus Blut tropfte aus ihrer Nase nach unten und sie hatte einige weitere Blessuren abbekommen. Ob sie innere Verletztungen hatte, konnte er nicht sagen. Er war schließlich Biologe und kein Mediziner, aber sie lebte noch. Doch sie sah nicht gut aus.

»Angela, komm schon, lass mich jetzt nicht im Stich!«, redete er auf die Soldatin ein, und meinte ihr rechtes Lid zucken zu sehen. Dann formte sie ganz zögerlich Worte, die aus weiter Ferne zu kommen schienen: »Ddduu … du m…mmmusst weeeiter! Die Aaanderen … Du musst sssiiee finden!« – »Ich … ich kann dich doch nicht so alleine zurücklassen!«, ein Kloß bildete sich in seinem Hals, als sein Verstand versuchte, seinen Gefühlen klar zu machen, dass sie recht hatte. Wenn er diese Frequenz nicht irgendwem, der Zugriff auf einen Sender hatte, weitergeben konnte, war alles zu spät. Er konnte die Pflanzen nirgendwo sehen. Entweder waren sie noch nicht hier, oder vielleicht schon weitergezogen. Aber konnte er so viel Glück haben? Vorsichtig zog er Angela aus dem Stapel Metall und lehnte sie rücklings dagegen. »Du bleibst hier! Ich … lass mich gerade auch mal versuchen die Welt zu retten … aber wehe, du bewegst dich hier weg!« Er war sich nicht sicher, ob er auf ihrem Gesicht wirklich den Anflug eines Lächelns erkannt hatte. Doch er musste weiter, wie sehr er sich innerlich auch dagegen sträubte.

Er kämpfte sich durch den Unrat und kam zur Hauptstraße, wo eben noch eine große Schlacht getobt haben musste. Ein gutes Dutzend tote Soldaten lag vor ihm und der gesamte Straßenzug war dick überwuchert. Er fluchte innerlich. Trotz allem waren sie zu spät gekommen. Gab es wirklich keine Hoffnung mehr für die Stadt?

[…]

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