093 – Die Stunde der Entscheidung

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Kapitel 14: Wider jeder Vernunft

»So endet die Welt: Nicht mit einem Knall, sondern einem Wimmern«, murmelte van Veidt, während er zwei Finger Whiskey in einem Glas schwenkte und gedankenverloren aus seinem Penthouse einer Stadt in Panik zu sah. »So nachdenklich, Quentin? Sie haben getan, was Sie konnten – wir haben getan, was wir konnten …«, Forbes stand auf der anderen Seite des Schreibtisches, während van Veidt ihm den Rücken zugewandt hatte. »Das ist von T.S. Eliot und untermalt unsere letzten Momente sehr treffend, wie ich finde. Oder Yeats der schrieb: Alles fällt auseinander, auch die Mitte stimmt nicht mehr …«

Die letzten Stunden hatten sie alles Erdenkliche versucht, die Stadt auf die nahende Katastrophe vorzubereiten. Eine Walze der Purity Züchtung bewegte sich von Norden südwärts und würde sie bald erreicht haben. Dem entgegenstellen, konnten sie nur einen eilig ausgehobenen Graben, der mit Benzin gefüllt, sowie die stätischen Busse, die zu einem Wall um die Stadt geformt worden waren. Doch sie wussten bereits, dass ihnen das nur ein paar Minuten mehr bescheren würde. Sie hatten das bei anderen Städten gesehen und warum sollten sie die glorreiche Ausnahme bilden?

»Frederiksen könnte noch kommen und die Forschungsergebnisse entschlüsseln.« bemühte Forbes sich um den positiven Grundtenor, doch der alte Mann war sehr müde geworden. Und er war die letzten Tage sichtlich gealtert. Sonst war es immer van Veidt gewesen, der die Fahne hochgehalten hatte, wie düster die Aussichten auch gewesen waren. Hier in der anderen Position zu sein, zwang Forbes die Rolle der Stimme der Vernunft auf, und die stand ihm so absolut nicht.

Vor den Toren der Stadt war noch ein Trupp Marines und Techniker unterwegs, um Navy-Funktürme zu Hochfrequenzsendern umzurüsten, in der Hoffnung, Frederiksen käme zurück und hätte die Lösung aller Probleme in der Tasche. Doch ohne Frederiksens Forschungsergebnisse, bzw. die Dokumente seiner Frau, war es die sprichwörtliche Suche nach der Nadel im Heuhaufen.

»Sir, ich werde die Situation nicht beschönigen, vielleicht erleben wir den Morgen nicht. Allerdings werde ich für meinen Teil mich nicht in mein Schicksal ergeben. Dafür habe ich schon zu viel gesehen!«, hielt Forbes weiter dagegen. »Sie haben diesen Soziopathen mit unserem Joker nach Norden geschickt. Und was hat es uns gebracht? Nein, nein, das Kind ist im Brunnen und wir brauchen ein Wunder!«, wollte van Veidt nichts davon wissen. Woher sollten Sie es nehmen, dieses Wunder? Alles in allem war die einzige valide Option, so viele Menschen wie möglich in Sicherheit zu bringen oder hier eine breite Front zu installieren, die sich aber nur schwer halten ließ. Leider hatte das allgemeine Chaos auf den Straßen zu vielen Staus und weiteren Verzögerungen der Evakuierungsmaßnahmen geführt, so dass nur ein geringer Teil der Bevölkerung hatte in Sicherheit gebracht werden können. Der Rest würde um das blanke Überleben kämpfen müssen.

Van Veidt konnte wohl wirklich auf Frederiksen hoffen. Denn der war in dem ganzen Spiel irgendwie immer der Joker gewesen, der genau dort war, wo etwas passierte. Jetzt würde es aber nicht mehr lange dauern. Als die ersten Feuersirenen erschollen, und vom unaufhaltsamen Vorrücken der Pflanzen kündeten, war er schon fast bereit, sich das Schicksal aller zu ergeben. Doch dann hörte er die Stimme von Forbes per Sprechfunk die Operation ‚Thors Hammer‘ anfordern und ein Summen wie von einem großen Schwarm Insekten wurden lauter und überflog ihr Versteck. Die Ladung würde todbringend sein und sich in wenigen Minuten über die Außenbezirke der Stadt ergießen. Hoffentlich waren die Leute dort in Sicherheit. Er hielt den Atem an, während Forbes unmerklich den Raum verließ. Der Jüngste war er nicht, er wollte jedoch, sofern unvermeidbar, im Kampf abtreten und vielleicht konnte er dort zumindest noch ein wenig nützlich sein.

[…]

 

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