090 – Experimente des Schweigens

chap013

[…]

Angela schreckte auf, als Frederiksen an ihr vorbeistürmte. Neugierig sah sie zu seinem Terminal, wo ein Videostandbild zu sehen war. Da war diese Wissenschaftlerin zu sehen, wie sie sich über einen Patienten beugte, im augenblicklichen Ausschnitt war sie jedoch nicht mehr zu sehen. Doch wenn das auf Frederiksen diese Wirkung gehabt hatte, wollte sie wissen warum.

Sie klickte erneut auf die Play-Funktion und hörte einen schrillen Elektromotor im Hintergrund. Irgendwie kam ihr der Raum bekannt vor. Dann erhob sie sich und man sah eine kleine Elektrosäge, die sie jetzt in ein Desinfektionsbad fallen ließ. Die Aufnahme war so scharf, dass man schemenhaft auch einen roten Schatten sehen konnte, der sich in der Flüssigkeit ausbreitete. Dann trat sie einen Schritt beiseite und man konnte erkennen, dass die Ärztin die Schädeldecke eines Patienten aufgesägt hatte. Nichts was man nicht schon in 1000 Horrorfilmen wesentlich effektvoller inszeniert gesehen hatte. Da hatte diese Verrückte also eine Vivisektion des Gehirns eines Patienten begonnen. Diese Frau war ein Monster und Angela konnte beim besten Willen nicht verstehen, warum ihr Frederiksen wirklich nachtrauerte, ja wie man sich in so eine Person hatte verlieben können.

Dann bewegte der Patient den Kopf und Angela wurde schlagartig klar, woher sie diesen Raum kannte. Es war das Nachbarlabor zu ihrem Gefängnis in diesem Bunker in Newark gewesen und das Opfer dieses grausamen Eingriffs, war Dr. Amy Anderson. Angela hatte mit einem Mal wieder die Bilder vor Augen, wie sie die Botanikerin vorgefunden hatten. Und wie schlecht es ihr gegangen war. Und mit einem Mal war da dieser Zorn darüber, dass diese Schlampe noch viel zu gut dabei weggekommen war. Wieso hatte Angela sie nicht mehr leiden lassen, vielleicht derselben Prozedur unterzogen? Hätten sie doch nur etwas mehr Zeit in diesen Laboren gehabt oder noch besser, hätte Angela sich doch nur früher befreit und diesen Wahnsinn verhindert!

Sie ergriff den Terminal und schleuderte ihn mit aller Kraft gegen die Bordküche, wo sie mit einem ersterbenden Knall liegen blieb, während der getroffene Schrank Teller und Tassen auf ihn ergoss. Angela schrie laut auf, so dass spätestens jetzt jeder an Bord zusammenzuckte und die Deckung suchte. Jeder klare Gedanke war jetzt ausgeblendet und da war nur noch Hass und der Drang zu zerstören. Und erst nachdem ein beträchtlicher Teil der Innenausrüstung der Flugmaschine Schaden genommen hatte, konnte die Besatzung Angela mit einem Betäubungsmittel ins Land der Träume schicken und Schlimmeres verhindern.

Auch Frederiksen, der langsam wieder in die Kabine getorkelt kam, sah blass und völlig benommen aus. Nicht nur, dass seine Kollegin auf so grausame und sinnlose Art und Weise sterben musste. Es war auch seine verschollen geglaubte Frau gewesen, die diesen Wahnsinn zu verantworten hatte. Und mit einem Mal war jeder Funke Liebe, den er noch für sie im Herzen bewahrt hatte, gestorben. Es gab nichts, aber auch gar nichts, dass diesen Eingriff in seinen Augen gerechtfertigt hätte. Es dauerte mehrere Stunden, bis Frederiksen das klamme Bauchgefühl nach unten gekämpft hatte und sich wieder auf die Aufgabe konzentrieren konnte. Er hob das Terminal auf, musste jedoch resigniert feststellen, dass der Schaden irreparabel war. Zumindest der USB-Stick hatte überlebt, aber er hatte keine Chance vor ihrer Landung in San Diego weiterzulesen. Er musste dringend mit van Veidt sprechen. Mit irgendjemandem musste er sprechen, sonst drohte auch er durchzudrehen. Er ließ sich vom Piloten eine Verbindung schalten und wartete ungeduldig, bis das immer noch etwas blasse Gesicht von Quentin van Veidt auf dem Display erschien. Es gab viel zu besprechen …

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