084 – Der Abgrund ruft

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[…]

Der Präsident fühlte sich schwach und seine Kräfte schwanden zusehends. Aber das sollten die drei Besucher nicht merken. Er spürte, dass sich die Ranke, die sich quer durch seinen Brustkorb geschoben hatte, immer noch bewegte. Seine Atmung wurde zunehmend rasselnder, er hatte nicht mehr viel Zeit. Zwar brauchte er Frederiksen nicht mehr, um die Pflanzen-Apokalypse auszulösen, Maya Ferndandez hatte allerdings den biometrischen Schlüssel des Tempels auf ihn eingestellt.

Ihm war bewusst, dass er die Reise nach San Francisco nicht mehr antreten würde. Das Schicksal hatte ihn betrogen. Aber sein Erbe würde mit der Geburt der neuen Welt fortbestehen und ihn als großen Visionär feiern. Hustend griff er in eine Schublade seines Schreibtisches und holte zwei Einwegspritzen hervor.

»Meine Dame, Dr. Frederiksen, wenn Sie sich gegenseitig bitte diese beiden Dosen verabreichen würden …«, eine einladende Geste wies auf beide Spritzen und er sah den Schrecken in den Augen der beiden. »Keine Sorge, wenn wir nicht gewollt hätten, dass Sie hier herkommen, wären Sie bereits tot! Nein, sehen Sie es lieber als Geschenk!«

»Aber … Mr. … Präsident, das können Sie unmöglich ernst meinen! Wir müssen die letzten Menschen im Süden beschützen und uns nicht feige hier am anderen Ende der Welt verstecken!«, doch der Präsident wiegelte Frederiksens Vorstoß ab. »Sie werden mir später dankbar sein! Und jetzt los, oder soll Commander Emanuel nachhelfen?« – doch Frederiksen wollte nicht so schnell sich geschlagen geben: »Es muss doch einen Notschalter geben, irgendeine letzte Rückversicherung … ein Pestizid, ein Gas, eine Frequenz …« und mit einem Mal sah der Präsident ein Strahlen über das Gesicht des Biologen huschen. Wut stieg in ihm auf: »Sie werden meiner Einladung folgen! Emanuel!« – doch genau das war der Augenblick gewesen, auf den Angela gewartet hatte. Emanuel war für einen kurzen Moment abgelenkt gewesen, als er nach der ersten Spritze griff. Der Präsident wollte noch eine Warnung ausstoßen, die von blutigem Husten jäh unterbrochen wurde, während Angela Emanuel die Waffe aus der Hand schlug und ihn von den Beinen riss.

In einem Anflug von hilfloser Ohnmacht schrie der Präsident laut auf, doch das Handgemenge zwischen den beiden Soldaten ging mit ungebremster Intensität weiter. Emanuel versuchte verzweifelt an die Waffe heranzukommen, doch Angela war schneller, ergriff die aufgezogene Spritze und jagte sie dem Widersacher in die Brust. Dieser hielt augenblicklich inne und starrte sie verwirrt und entgeistert an, während Angela den Inhalt der Spritze aus dem Zylinder drückte. Dann verfiel er in ein kurzes Zittern, nur um einen Augenblick später paralysiert auf dem Rücken liegen zu blieben und die Decke anzustarren. »Gute Arbeit!«, keuchte Frederiksen aus einer Schockstarre kommend, als beide sahen, wie der Präsident langsam blau anlief, als die Pflanze seinen linken Lungenflügen zum Platzen brachte.

»Wir müssen hier weg, schnell!«, drängte die Soldatin, griff sich die zweite Spritze und zog Frederiksen aus dem Raum. Von der Seite sah er, dass Angela einen Riss im Anzug bei dem Kampf mit Emanuel abbekommen hatte. Sie versuchte so gut wie möglich die Stelle zuzudrücken, aber wer wusste schon, wie viel kontaminierte Luft sie bereits geatmet hatte. Dann hielt Frederiksen sie kurz fest. »Los, wir haben keine Zeit!« – »Die Spritze, Porter! Sie müssen sich die Spritze injizieren!« Einen Moment dauerte es, bis Angela Porter verstand. Doch davor mussten sie zum Hubschrauber gelangen, denn wie sie an Emanuel gesehen hatten, war die Reaktion geradezu umwerfend … zurück an der Oberfläche kontaktierten sie den Helicopter per Funk, der sie auf halbem Weg auflas und Angela, die bereits ein starkes Kribbeln am Körper spürte, sich endgültig den Inhalt der Spritze in den Arm injizierte …

[…]

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