083 – Im Zentrum der Macht

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Die Straßen aufgerissen, Autos, Schutt und eingestürzte Gebäude überall – was einmal ein kitschiger Traum eines Flitterwochenurlaubs amerikanischer Provinzler war, lag in Schutt und Asche. Eric war nie persönlich hier gewesen. Er kannte den Ort nur von Bildern und was er hier sah, hatte mit der verklärten Erinnerung nichts gemein. Emanuel führte die beiden den Niagara Parkway entlang – durch die Maske konnte man kaum etwas von dem Entsetzen erkennen, das ihn beim Anblick der Stadt ergriffen hatte.

Die Drei bahnten sich ihren Weg durch das Chaos und die Zerstörung, hin zu einem versteckten Wartungseingang, der sie in Tunnel unter dem Wasserfall führte. Über lange Gänge, die scheinbar ins Nichts führten, gelangten sie schließlich an eine Druckschleuse. Soweit war ihnen keine Menschenseele begegnet und die Zerstörungen hielten sich in Grenzen. Frederiksen verkrampfte bei dem Gedanken, wer sich dahinter wohl verschanzt hatte.

»Sind Sie sicher, dass sich hier der Präsident versteckt? Es sieht weder besonders einladend noch aktiv benutzt aus«, merkte Angela an, doch Emanuel hatte schon begonnen, das Rad an der Luftschleuse zu bewegen. Doch es folgte kein Zischen oder sonst ein Geräusch, das einen Druckausgleich begleitete. Hinter der ersten Tür lag eine Schleusenkammer, die innere Tür war aus den Angeln gerissen worden. Und dann … Blut, an den Wänden, auf dem Boden, ja sogar die Decke war von Blutspritzern bedeckt. Die dazugehörigen Körper lagen überall verstreut und Frederiksen dankte im Stillen dem Himmel dafür, dass die Anzüge auch aromaversiegelt waren.

Ein scharfer Riss durchzog die äußere Wand, wo die Pflanzen eingedrungen sein mochten. Sie waren zu spät und alles verloren. »Kommen Sie!«, drängte Emanuel und führte Angela und Eric über die Stufen mehrere Etagen in die Tiefe, bis sie an einer großen Flügeltür ankamen. Vorsichtig drückte er beide Seiten auseinander und öffnete den Zugang zu einem großen Büroraum. Eine große Ranke hielt einen Körper in der Luft, der wohl vor dem Schreibtisch auf einem Besucherstuhl gesessen hatte, als das Unmögliche über sie gekommen war. Ein Ast ragte dem Mann im Kittel aus dem linken Auge, aus dem Blut nach unten getropft und mittlerweile geronnen war. Am Boden lag ein Namensschild mit ‚Browning‘ in großen Lettern darauf gedruckt.

Doch sie waren nicht alleine. Auf der anderen Seite des Schreibtisches saß eine Gestalt, den Kopf gesenkt. Vorsichtig schob der Andere eine der Schubladen auf, griff nach etwas, erhob sich und legte eine Magnum 9mm Pistole auf den Schreibtisch und sah den Ankömmlingen eindringlich entgegen. »Präsident Foster, nehme ich an«, murmelte Eric in seinen Anzug, nur um mit einem hohlen Grinsen begrüßt zu werden. »Sie haben sich Zeit gelassen, meine Freunde«, begrüßte der Präsident die Gruppe, bevor er in ein Hustenstakkato verfiel. Er trug keinen Schutzanzug und hatte sicher schon eine ordentliche Portion der in der Luft befindlichen Pollen eingeatmet.

»Mr. Präsident, ich präsentiere Dr. Eric Frederiksen, wie befohlen!«, salutierte Emanuel und entwaffnete mit einem schnellen Handgriff Angela, die zu für einen unachtsamen Augenblick ihren Schild heruntergelassen hatte. Jetzt hielt er beide mit der Pistole vom Schreibtisch in Schach. »Sehr gut«, ein Hustenanfall erschütterte den sichtlich mitgenommenen Staatsmann, »Sie kommen genau richtig! Projekt Purity war ein Riesenerfolg! Und wir ernten jetzt die Früchte von 47 Jahren Vorbereitung!«

Frederiksen verstand kein Wort mehr, sondern starrte nur fassungslos den Mann an, dessen Beine im selben Moment versagten und ihn wieder in den Stuhl sinken ließen. Eine Ranke hatte sich durch den Körper gebohrt und schaute jetzt aus dem Brustkorb heraus und verursachte ihm sicher schwere Schmerzen. »Wären Sie ein paar Stunden früher hier gewesen …« – »Dann hätten wir Ihren Leuten beim Sterben zusehen können! Es ist vorbei! Sie sind geschlagen, jetzt blasen Sie Purity ab!«, versuchte Angela die Situation zu wenden, wurde aber schlichtweg ignoriert. »Willkommen zum Endspiel! Sobald Purity abgeschlossen ist, können wir mit der Neubesiedelung der Welt beginnen. Einer Welt, in der kein Platz für uns Relikte der alten Ordnung ist. Sobald die Reinigung abgeschlossen ist, kann die Neubesiedelung beginnen, in einem neuen Garten Eden!«, ein irrer Schimmer blitze kurz auf dem Gesicht auf. »Und Sie dürfen dem Neuanfang beiwohnen!«

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