081 – Aufarbeitung

chap013

[…]

Was war nur los? Früher war für Angela noch alles so klar gewesen. Zwar hatte sie nicht immer den Sinn hinter einer Mission verstanden, aber sie war immer im besten Wissen und Gewissen gewesen, das Richtige zu tun. Und wenn sie auch oft das Falsche tun musste, hatte der Zweck immer die Mittel geheiligt. Seit Dr. Amy Anderson auf so tragische Weise im Bunkerlabor in Newark gestorben war, hatte sich das geändert. Plötzlich war alles in Frage gestellt. Und obwohl Angela sehr gut wusste, dass sie etwas tun mussten, um den Präsidenten aufzuhalten, so war ihr genauso bewusst, dass dieser Emanuel eine linke Bazille war. Sie hatte sich auf ihre Menschenkenntnis immer sehr viel eingebildet und dieser Überläufer war ein Soziopath, der seine eigenen Ziele verfolgte. Er hatte einfach das Kommando an sich gerissen – die verängstigten Blicke der Mannschaft an Bord der Lexington verrieten ihr alles. Und Frederiksen hatte in ihm seinen Peiniger aus Washington DC wiedererkannt.

Für den Moment würde sie bei seinem Spiel mitmachen. Aber sie würde ihn nicht aus den Augen lassen. Und wenn er sich vom Pfad der Mission auch nur einen Millimeter entfernte, würde er es bereuen. Sie war Soldatin gewesen und später auch Söldnerin. Sie hatte viele Dinge getan, die Außenstehende als verwerflich angesehen hätten, aber das sie hatte ihre Grenzen gekannt. Und dieser Typ spielte nicht in ihrem Team. Sie waren noch eine gute Stunde die Küste Richtung Norden geflogen und schwenkten jetzt nach Westen. Man hätte sie direkt dort absetzen sollen, statt zurück zum Schiff zu fliegen. Sie hatten kostbare Zeit vergeudet. Jetzt mussten sie bald an der ehemaligen Grenze nach Kanada sein. Auch diese hatte nach dem Zusammenbruch aufgehört zu existieren. Kanada bestand zu einem großen Teil aus Wald. Ein Überleben ohne Anzug und Maske war hier nicht möglich.

Sie fischte unter dem Sitz einen Einweganzug hervor und warf ihn zu Frederiksen, der immer noch in seine Lektüre der Dokumente von Maya Fernandez’ USB-Stick vertieft war. Sie selbst griff sich einen taktischen Schutzanzug aus dem hinteren Ladefach und begann sich diesen überzuziehen. Die Nähte verklebte sie mit Gewebeklebeband, das sie im Anschluss Frederiksen herüberwarf, der mühsam begonnen hatte, sich in seinen Anzug zu zwängen, was ihm mit nur einem Arm entsprechend schwerfiel. Vorne hatte Emanuel sich auch einen Anzug gegriffen und tat es ihnen gleich. Sie würden bald an ihrem Ziel ankommen und dann sollten sie bereit sein. Neben Frederiksen und Emanuel war nur noch der Pilot an Bord. Kein komplettes Einsatzkommando diesmal. Emanuel schien sich seiner Sache wohl sehr sicher zu sein. Oder es war eine Falle!

Der Hubschrauber sollte dieses Mal einige Runden drehen und einen sicheren Landeplatz suchen, so dass sie schnell fliehen konnten, sofern es notwendig war. Angela war sich auch nicht sicher, was sie dort genau erfahren und erleben würden. Es würde wohl kaum einen einfachen Ausschalter geben. Sie sah durch ein Seitenfenster nach draußen und sah, dass auch hier schon die Pflanzen gewütet hatten. Was immer der Präsident hier versteckte, war hoffentlich unterirdisch und gut gesichert, wobei die Erfahrung in Newark ihr gezeigt hatte, wie trügerisch eine solche Sicherheit war. Ob die unterirdischen Tunnel, die sie dort gefunden hatten bis hierher verliefen?

Jetzt überflogen sie noch einen großen See, wo zu Geier waren sie jetzt schon wieder gelandet?

»Willkommen in Niagara Falls, meine Herrschaften! Dem einzigartigen Ort, der durch seine großen, natürlichen Fälle vor den Pollen geschützt ist«, kommentierte Emanuel über Funk. »Sie meinen wohl war … sehen Sie die Zerstörung an der Küste … scheint so, als wäre ihr sicherer Hafen inzwischen ebenfalls gef…«, Angela stockte der Atem. Sie ließen den Lake Ontario hinter sich und folgten dem Verlauf des Niagara Rivers, nur um Zeugen eines unmöglichen Bildes zu werden. Sowohl die amerikanischen, als auch die kanadischen Horseshoe-Fälle waren versiegt. Wo sich einmal ein beeindruckendes Naturschauspiel erstreckte, das Scharen an Touristen in seinen Bann zog, waren nur noch blank gewaschene Felswände zu sehen. Und die Stadt selbst wies dieselben Zerstörungen auf, wie jeder Ort, der von der Purity Züchtung heimgesucht worden war. Hoffentlich kamen sie noch nicht zu spät …

[…]

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *