079 – Post aus der Vergangenheit

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[…]

»Also gut, Eric«, Maya seufzte kurz auf. Trotzdem sie sich wohl auf einem Zettel Notizen zu dem gemacht hatte, was sie sagen wollte, fiel ihr das Sprechen an sich unsagbar schwer. »Ich … wollte dieses Tagebuch aufnehmen, für den Fall, dass etwas schief geht, und wir uns nicht mehr wiedersehen.« – die Aufnahme musste Jahre her sein, vielleicht aus der Zeit kurz nach dem Tag X. Sie war so schön gewesen … »Ich weiß, wir haben uns gestritten und es war albern. Und … es tut mir leid, aber ich konnte dir damals die Wahrheit nicht erzählen. Und selbst jetzt … Ich vermute, wenn du diese Aufnahme hörst, hast du … weißt du, dass ich deine Forschungsdaten kopiert habe. Das war eine große Chance für mich und dieses … dieses Projekt ist wirklich wichtig. Für unsere Zukunft … für das Wohl aller Menschen!« Die Stimme seiner Frau klang kratzig aus dem Helmkopfhörer und wurde teilweise von dem Lärm des Motors geschluckt.

Er war nur widerwillig eingestiegen, und nur, weil es darum ging, die Geschehnisse aufzuhalten. Er musste herausfinden, wie seine Forschung dazu benutzt worden war, Pflanzen so zu manipulieren, dass sie sich praktisch explosionsartig ausbreiteten. Das war am Ende das Argument gewesen, mit dem Angela in zurückgeholt hatte, aus einer Schockstarre des Entsetzens. Na gut, zwei Ohrfeigen und ein ernster Dialog später … aber er hatte immer noch Angst vor dem Mann, der jetzt in der Hubschrauberkanzel saß und dem Pilot Anweisungen erteilte. Dieser Mann war ein Soziopath und Frederiksen hatte keine Ahnung, wieso man mit ihm einen Deal ausgehandelt hatte, obwohl er van Veidt ins Koma geschossen hatte.

Diese Gedanken wischte er mühsam beiseite und versuchte sich auf das Display des Notebooks zu konzentrieren, dass Angela ihm von Bord besorgt hatte. Ein altes Modell, das am Bordnetz hängen musste, weil der Akku vor Jahren den Geist aufgegeben hatte. Aber so konnte er einen Blick auf den USB-Stick werfen, den Angela … den … konzentrier dich, Frederiksen! Er durfte den Schmerz nicht an die Oberfläche gelangen lassen … Maya hatte diesen USB-Stick in ihrem Kittel gehabt. Und allem Anschein nach enthielt er Videotagebücher. Eine Datei mit dem Namen für Fred hatte aber zuerst seine Neugier geweckt. Und in der Tat war es eine Botschaft von Maya an ihn. Bilder von seinem Traum, bei dem er die junge Maya auf der Wiese getroffen hatte, drängten sich kurz in seinen Kopf.

»Ich habe letzten Monat die Chance meines Lebens bekommen, Teil von Projekt Purity zu werden. Sie haben mir gesagt, es ginge um Immunisierung. Du kennst die Forschungsergebnisse dazu ja besser als jeder andere. Warum sie dich nicht gleich an Bord geholt hätten, habe ich sie gefragt. Statt einer Antwort haben sie darauf bestanden, dass ich haufenweise Verschwiegenheitsdokumente unterschreibe. Ich dachte, vielleicht bist du einem der Projektverantwortlichen mal auf die Zehen gestiegen – wir kennen dich ja, der Elefant im Prozellanladen …«, für Augenblicke spielte der Anflug eines Lächelns über ihre Züge, doch schon verhärteten sich ihre Züge wieder. »Ich wollte nicht mehr im Schatten von Dr. Frederiksen stehen … sie haben gesagt, dass ich die Welt verändern könnte … ich hoffe, dass Du das eines Tages verstehen wirst. Falls ich mich nicht persönlich bei Dir entschuldigen kann. Ich …«, Bild und Ton versanken in einem Rauschen. Anscheinend war die Aufnahme mit einem alten, analogen Camcorder gemacht und später digitalisiert worden – komisch. Dann kam beides aber wieder zurück, doch das Gesicht von Maya, es sah fast so aus, wie …

»Na Eric? Sieht so aus als wäre alles anders gekommen. Ich werde dich nicht wiedersehen und die Wahrscheinlichkeit, dass dich diese Aufnahme eines Tages doch erreicht, ist gering. Himmel, ich könnte dir auch nicht mehr unter die Augen treten! Ich war naiv, als ich dich verlassen habe. Die Projektgruppe hat mich manipuliert, meine Forschungen – deine Forschungen. Ich habe versucht es wiedergutzumachen und ich gebe nicht auf. Ich habe dir diese Dokumente zusammengestellt, damit du erfahren kannst, was wirklich vor 15 Jahren passiert ist.«, das Material war also bereits 2 Jahre alt, aber wie … »An diesen Händen klebt Blut und ich kann es nicht mehr abwaschen!«, riss sie die Hände hoch und entlud einen Gefühlsausbruch direkt in die Kamera und ließ Eric kurz zusammenfahren. Diese Frau … sie sah aus wie seine Maya, aber sie klang verbittert und desillusioniert.

»Sobald sie mitbekommen haben, was ich hier für Forschungen betreibe, werden sie versuchen die Anlage stillzulegen. Dabei versuche ich nur, die Formel zu komplettieren. Ich wollte ein wirksames Mittel synthetisieren, dass die Wirkung der übersteuerten Pflanzenreaktionen auf den Organismus ausschaltet. Nun ja, die ersten Tests an Versuchsobjekten scheinen positiv zu verlaufen, aber die Nebenwirkungen sind immer noch ein Problem. Das Präparat löst starke Halluzinationen aus. Glückszustände, die den Probanden in einen Rausch und eine Abhängigkeit treiben. Ich befürchte, meine Forschung ist in einer Sackgasse gestrandet. Vielleicht sehe ich den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr. Es ist auch schwer, Versuchskandidaten hier her zu bekommen. Muss wohl zu ein paar noch unorthodoxeren Mitteln greifen … Sieh dir das Material an! Es muss einen Weg geben, das alles ungeschehen zu machen! Und ich werde bis zu meinem letzten Atemzug darum kämpfen! Vergebung wird es für das, was ich getan habe nicht geben. Ob ich jetzt wusste, was Sache war, oder nicht. Ob ich belogen wurde, oder mir nur selbst etwas vorgemacht habe. Ich bete, dass dich das Material findet und du das tun kannst, was ich nicht vermag. Und das du die Welt heilst … ich li … verdammt! Leb wohl!« … die Datei war zu Ende und Mayas ergrautes Gesicht verschwand.

Es tat weh, sich diese Aufnahmen anzusehen, aber er verstand jetzt. Der Tag X war das Resultat einer fehlgegangenen Forschung. Und er begriff, dass es wirklich an ihm lag, das ungeschehen zu machen. Was immer sie dort finden würden. Wo auch immer das Ziel war. Sie flogen weiter nach Norden, wo Dr. Eric Frederiksen seine Bestimmung finden würde.«

Ende Kapitel 12

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