078 – Abstieg

chap012

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Es hatte begonnen zu regnen und dicke Tropfen platschten gegen das Blechdach der Baracke und liefen Schlieren ziehend die Fensterscheiben herunter. Er ließ den letzten Finger Brandy von einer Seite des Glases zur anderen rutschen, während er gedankenverloren nach draußen starrte. Der Zivilist in ihm hätte am liebsten alles vergessen, was er von ihrem Überläufer erfahren hatte. Dieser Emanuel hatte ihm nicht nur Informationen zu Lage und Ausrüstung der Festung des Präsidenten gegeben, sondern auch ein paar wichtige Puzzlestücke zum Großen und Ganzen beigetragen. Vor allem die Rolle von Frederiksen lag jetzt klar vor ihm und er wusste, dass er das Richtige getan hatte, ihn zu immunisieren und an die Front zu schicken.

All die Menschen, die da draußen gerade sterben mussten, weil ein paar machtbesessene Bürokraten, die Bibel zum Leben erwecken wollten. Es war diese alttestamentliche Geschichte von der Arche und Noah, der sich, seine Familie und eine Auswahl von Tieren in Sicherheit brachte, bevor die Welt vom Wasser verschlungen wurde. Es würde keine Sinnflut geben, aber die Purity Züchtung würde alles Leben auf diesem Kontinent auslöschen und die wenigen, die in Sicherheit sein würden, könnten die Welt wiederbevölkern und beherrschen. Was für eine gottlose Verschwendung von Leben und Ressourcen. Und so perfide, denn der Präsident brauchte so keine Armee, die für ihn kämpfte. Er musste nicht mal die Pflanzen kontrollieren – es reichte völlig aus, Zerberus von der Kette und sein Werk verrichten zu lassen. Und jeder, der nicht der richtigen Meinung war, musste zurückbleiben und sterben.

Forbes war ein harter Hund und er würde noch einige sehr unorthodoxe Dinge tun, bevor die Sache vorbei war. Aber dieser Plan war absolut perfide. Er hatte mit Emanuel einen Deal ausgehandelt und seine Menschenkenntnis war bisher gut genug gewesen, um die wesentlichen Charakterschwächen zu erkennen und zu wissen, ob sich solche Partner an Absprachen halten würden oder nicht. Emanuel war dabei sehr berechenbar. Die Lücke im Herzen konnte mit Rache gefüllt werden. Natürlich müsste man sich seiner entledigen, sobald er seine Nützlichkeit überlebt hatte. Soziopathen hatten keinen Platz in seiner Welt, waren aber zum Erreichen der Ziele perfekte Mittel zum Zweck. Wo gehobelt wird, da fallen Späne. Doch die Geschichte würde ihm recht geben. Die Südstaaten Allianz und ihre Mitglieder konnten geopfert werden – Kollateralschaden, nicht mehr. Aber das Gebiet der neuen Kalifornischen Republik war heilig. Schon der Verlust der Kuppelanlage von San Francisco war ein schwerer Schlag gewesen. Dass sich die Pflanzen danach aber erst Richtung Osten geschlagen hatten, statt schon den Süden unsicher zu machen, war ihr Glück.

Einen letzten Trumpf hatte er noch im Ärmel, doch der war ihre letzte Chance, sollten die Pflanzen vor den Toren von San Diego auftauchen. Ein Arsenal an Kurz-, Mittel-, und Langstreckenraketen, die in unterirdischen Abschussrampen seit den Tagen des Kalten Kriegs auf ihren Einsatz warteten. Noch schienen sie sich auf direkter Route nach Süden fortzubewegen, aber wer wusste schon, wie sich alles noch entwickeln würde. Er öffnete eine Schublade, die ein verschlossenes Kästchen enthielt. Den passenden Schlüssel fischte er von einer Kette um seinen faltigen Hals. Darin lagen zwei Schlüsselkarten. Schnell steckte er beide ein und wollte gerade das Kästchen schließen, als … »Was ist hier los?!« In der Tür stand Quentin van Veidt in einem durchnässten Morgenmantel.

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