077 – Zusammenführung

chap012

[…]

Der Hubschrauber flog vielleicht 25 Meter über dem Boden. Von hier aus konnte Angela gut das bisherige Ausmaß der Zerstörung sehen. So hatten die Pflanzen tiefe Furchen in das ehemalige Stadt- und Straßenbild des amerikanischen Kontinents gerissen. Ruinen und Schutt überall, darunter halb zerquetschte Autowracks und alles dick überzogen von grünen Ranken. Sie mussten das hier aufhalten! Nur wie sollte das vonstattengehen? Sie erinnerte sich an ihre Jugend, in der sie leidenschaftlich gerne Abenteuerromane gelesen hatte. Eine kurze Phase lang zumindest, bis sie beschlossen hatte, die Abenteuer lieber selbst zu erleben und in der Truppe eine neue Familie gefunden hatte. Die Helden wussten immer, was zu tun war und wie der Tag gerettet werden konnte. Anders als heute, wo sie Tage vor der endgültigen Überwucherung des Kontinents standen und immer noch mehr Fragen als Antworten vor sich her schoben.

Frederiksen bemühte sich zu schlafen, wand sich aber eher ungemütlich ständig von der einen auf die andere Seite und zurück. Angela war trotz der Strapazen immer noch hellwach und einsatzbereit. Sie hatte auf dieser verdammten Pritsche genug geschlafen. Das musste für die nächsten zwei Leben reichen. Außerdem war sie hoch konzentriert dabei, den Flug Richtung Süd-Osten zu verfolgen.

»Warum sind wir noch nicht da? Sie sagten etwas von 2 Stunden?« – der Pilot drehte sich kurz zu ihr um und nuschelte in sein Mikrofon. Angela konnte ihn kaum über ihren Helmkopfhörer verstehen: »Die Lexington ist nach Süden unterwegs gewesen, dort Hilfestellung zu leisten. Die Pflanzen sind schon jenseits von Savannah in Richtung Miami unterwegs. Aber die haben über Funk gemeldet, dass ein Informant eingetroffen ist und sie uns jetzt wieder entgegen kommen.« – »Haben Sie gesagt, die haben einen Informanten? Woher soll der gekommen sein?«

Der Pilot schüttelte deutlich sichtbar den Kopf: »Ich weiß es nicht. Nur, dass er aus San Diego kommt und auf der Lexington auf uns wartet. Nur auftanken und dann geht es gleich weiter … wohin weiß ich aber auch nicht.« Ein Informant? Wer sollte das denn bitte sein? Ein Überläufer, wirklich? Nun vielleicht hatte Forbes ja jemanden gefangen gesetzt oder es geschafft, einen Agenten einzuschleusen. »Aber warum«, bohrte sie weiter nach, »fliegen wir nicht direkt dorthin? Der Umweg zum Schiff kostet doch nur wertvolle Zeit! Und die könnten sich um die Menschen an der Küste kümmern …« – »Ma‘am, die Order kam von ganz oben! Anscheinend soll der Informant mitkommen. Mehr weiß ich aber wirklich nicht …« – »Dass sich Captain Durham auf so etwas einlässt? Und hören Sie auf mich zu Ma’amen! Ich bin Angela!«

Eine kurze Pause aus dem Cockpit, dann: »Peter, aber sehen Sie, Angela? Wir haben die Küste erreicht und sind in ein paar Minuten da. Dann wird sich alles aufklären!« – »Na wunderbar! Sind wir schon da?«, gefolgt von einem Gähnen. Ihr Dritter Mann hatte bis gerade geschlafen und streckte sich jetzt. Sein Dreitagebart verdeckte diverse Narben, die sein Kinn umsäumten. »Sie haben mir immer noch nicht Ihren Namen gesagt!«, fiel es Angela wieder ein, »Name und Dienstgrad, Soldat!« Der Mann richtete sich auf und zog den Schutzpanzer gerade. »Von mir aus! Lt. Ed Smith, von General Forbes Stab. Habe die Ehre, Angela …«, er salutierte gekünstelt und setze ein schiefes Grinsen auf. »Für einen Stabsoffizier haben Sie aber erstaunlich wenig Disziplin, Soldat! Und warum kenne ich Sie nicht?« Smith verzog keine Miene. »Abteilung Sonderaufgaben – Sie sind nicht die Einzige, die von Forbes Hausaufgaben bekommen hat!«

Mit diesen Worten schwebte der Hubschrauber bereits unvermittelt über der Lexington und setzte nach einem kurzen Funkaustausch auf dem Flugdeck auf. »Bin ich froh, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben!«, kommentierte Frederiksen schläfrig und stolperte fast beim Aussteigen. Doch dann fiel sein Blick auf eine Gestalt, die auf den Hubschrauber zu kam und er wurde unvermittelt kreidebleich. Stotternd zeigte er auf den Mann, brachte aber kein gerades Wort heraus. Angela hatte Frederiksen ja schon in den unterschiedlichsten Posen gesehen, aber noch nie so verängstigt. »Schönen guten Morgen! Ich lasse den Vogel kurz auftanken und dann geht es gleich weiter. Wir haben keine Zeit zu verlieren!« – »Wer sind Sie?«, entgegnete Angela scharf und fixierte mit ernstem Blick den glatt gebügelten Offizier, »und wo ist Captain Durham?«

Das unbekannte Gesicht formte eine künstlich höfliche Geste und er vollführte einen angedeuteten Knicks: »Captain Thomas Emanuel zu Ihren Diensten. Ich habe das Kommando übernommen. Wie gesagt, wir haben keine Zeit für mehr Höflichkeiten, ich erzähle es Ihnen unterwegs!« – etwas Feindseliges schwang in der klebrig, freundlichen Stimme mit und endlich fing sich Frederiksen wieder und raunte … »D-das i-i-st der Typ! Der hat mich i-in W-W-Washington verstümmelt!«

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