076 – Auf dem falschen Fuß

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[…]

Das Gespräch war lang und aufschlussreich gewesen. Loyalität war etwas Schönes, aber ein gewisser Selbsterhaltungstrieb war noch stärker. Wie war er in den Dienst gekommen? Herrje, er war der letzte Überlebende seiner Einheit und die letzten Ereignisse hatten ihre Reihen schon so ausgedünnt, dass er sich nicht sicher war, ob es überhaupt noch jemanden da oben gab.

Er hatte sich auf einen Deal eingelassen, aber der Alte hatte allen seinen Forderungen vorbehaltlos zugestimmt. Das war gut und ehrlich gesagt hatte Emanuel auch wirklich keine Lust auf Feilschen gehabt. Vielmehr war er jetzt der Joker, der Deus ex Machina. Er hatte diesem Forbes verraten, wo sich der ehemalige Präsident verschanzte. Und er würde noch mehr tun – noch viel mehr!

Warum traute er dem Alten? Wenn die Alternative war, den Rest seiner Tage in einer kleinen Zelle zu versauern, wurde man hellhörig, wenn es um Alternativen ging. Und schon gar, wenn der eigene Herzenswunsch gleich miterfüllt werden würde. Emanuel hatte in einem Zug so viel mehr Informationen bekommen und vieles, was der Altpräsident vom Stapel gelassen hatte, machte urplötzlich Sinn. Es lagen aber noch nicht alle Karten auf dem Tisch, denn es musste eine Fortführung des Plans geben. Warum sollte der Präsident willentlich die Welt vernichten? Ja gut, er war über die Jahre verrückt geworden. Aber doch nicht so sehr. Und selbst Verrückte haben eine Agenda, selbst wenn diese für gesunde Menschen keinen Sinn ergab.

In seinem Kopf spielte er das Szenario immer und immer wieder durch. Durch eine Art von Katalysator, den sie im Bostoner Labor ausgelöst hatten, breitete sich der Wildwuchs so aggressiv aus, dass binnen weniger Tage der Rest des Kontinents ersticken würde. Danach musste es eine Form von Wiederaufbau geben, aber mit wem? Wenn der Präsident selbst die eigenen Leute geopfert hatte … und doch bestand die letzte Chance den Untergang aufzuhalten darin, den Präsidenten zu stellen. Er musste ja einen Notschalter oder ein Gegenmittel in der Rückhand haben. Oder doch nicht?

Die Maschine war vor Stunden abgehoben und in wenigen Minuten würde er auf der USS Saratoga landen. Danach war seine Aufgabe, das Team um Frederiksen und Porter aufzunehmen und Richtung Norden aufzubrechen. Niagara war zu dieser Jahreszeit auch ein idyllisches Reiseziel! Und wenn er mal ganz nebenbei den Tag gerettet hätte, würde er sich seine Belohnung abholen. Doch Emanuel war es nicht um Geld gegangen oder eine Stellung auf der anderen Seite. Er würde sich auch bereitwillig wieder einsperren lassen. Doch davor würde er eine offene Rechnung begleichen und er würde Frederiksen umbringen. Nicht schnell und schmerzlos, sondern er würde genau da weitermachen, wo ihn sein ehemaliger Vorgesetzter ausgebremst hatte. All dieser Unfug, dass Rache den Schmerz nicht linderte … das war völlig egal. Es ging Emanuel alleine um das Gefühl, demjenigen Schmerzen zuzufügen, der dasselbe mit ihm gemacht hatte.

Unsanft setzte die Maschine auf, fuhr auf die Parkposition und Emanuel stieg unter strahlendem Sonnenschein aus. Das Wetter hätte aus einem Bilderbuch stammen können – die Art von Schnappschüssen, die man in der alten Welt in Onlineprofile geladen hatte, um vor seinen Freunden anzugeben. Im Hintergrund lag die Brücke des Flugzeugträgers, das machte definitiv etwas her. Der Captain, ein alter, bärtiger Seebär mit einem Gesicht aus knittrigem Leder, empfing ihn ungestüm: »Was soll das! Ich habe Ihrem Vorgesetzten schon per Funk gesagt, dass wir weiter nach Süden müssen, um so viele Menschen in Sicherheit zu bringen wie möglich!« – Emanuel war Widerstand gewohnt. Er fixierte sein Gegenüber mit ernstem Blick: »Sie werden augenblicklich umdrehen, damit wir schneller das andere Team an Bord nehmen können und nachdem wir wieder unterwegs sind, können Sie wieder tun, was Sie wollen, aber nicht früher!«

Doch Durham war nicht bereit klein beizugeben: »Sie sind eine Schande für die Uniform Söhnchen! Das ist mein Schiff! Und ich sage, wir retten so viele Menschen, wie wir können und dann …« – Emanuel zückte eine Halbautomatik und hielt sie Durham ins Gesicht. »Wir haben uns wohl falsch verstanden. Also wiederhole ich mich gerne. Wir müssen zum Präsidenten nach Niagara Falls, damit wir den Wahnsinn beenden können. Sie werden so oder so nicht rechtzeitig dort ankommen, wo Sie meinen, dass es noch Überlebende geben könnte. Ja, sogar San Diego bereitet sich auf das Schlimmste vor! Die haben vielleicht noch 3-4 Tage, dann ist da auch nichts mehr. Sie werden also …« – »Ich werde was, Söhnchen? Ich habe schon Seeleute aus dem Wasser gefischt, da warst du ein feuchter Traum in …«, hielt Durham dagegen, doch eine kurze Schussfolge unterbrach ihn je und wo gerade noch sein Kopf gewesen war, sackte ein Restkörper erst auf die Knie, bevor er seitlich wegkippte. Während die eine Hälfte der Mannschaft geradezu starr vor Entsetzen zu Salzsäulen erstarrt war, zückte der Rest jetzt ebenfalls die Waffen. Doch Emanuel blieb standhaft und richtete sich an die Umstehenden: »Sachte, sachte! Ich sagte schon, wir müssen das alles aufhalten, nicht nur ein paar Menschen retten! Und jetzt dreht gefälligst um, damit wir nicht noch mehr kostbare Zeit verschwenden! SOFORT! Wir sind im Krieg, da wird nicht diskutiert!«

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