074 – Wach auf!

chap012

[…]

Atemgeräusche. Dunkelheit. Das Gefühl zu Schweben im direkten Wechsel mit schnellem Fallen. Dann waren da Bilder und Szenen. Erinnerungen tanzten vor ihm und beschrieben seinen Weg durch die Unwirklichkeit. Dann waren da die grüne Hölle und ein Drang von Verantwortlichkeit und Schuldgefühl, die seinen Kopf zum Glühen brachten wie im Fieber.

Es war 1989 gewesen, als er dem ersten Treffen beigewohnt hatte. Die Runde hatte nur aus hohen Funktionären und Lobbyisten bestanden. Ein unheiliges Treffen der Elite, die die Geschicke der Welt kontrollieren wollte, in einem kleinen Jagdschloss irgendwo in Schottland. Es war ein Doktor Browning aus Baltimore gewesen, der ihnen Studien über Bevölkerungsentwicklung, Soziodemographie und prognostizierten weltwirtschaftlichen Schlüsselereignissen gezeigt hatte. Doch nicht nur das. Er hatte ein Memorandum verteilt mit der Lösung aller Probleme und der Sicherung und dem Ausbau ihrer Stellung in der Welt von morgen. In diesem an die 100 Seiten schweren Dokument war das Wort Purity das allererste Mal gefallen. Der ergraute Wissenschaftler hatte ihnen vorgerechnet, wie schwierig es werden würde, diese Menge an Menschen unter Kontrolle zu halten und dass es nur einen Weg gäbe – Genozid.

Van Veidt erinnerte sich, dass er entsetzt die skizzierten Maßnahmen und kalten Zahlen und Fakten studiert hatte, nur um die Papiere fallen zu lassen, direkt vom Tisch aufzustehen und ohne ein weiteres Wort den Raum zu verlassen. Das Wissen darum hatte er tief vergraben, aus Angst, irgendetwas aus diesem Schreckensszenario könnte jemals wahr werden. Er wusste nicht, welche seiner Kollegen vielleicht noch dort geblieben waren, nur dass eine Reihe es ihm gleich tat und das Gelände verließ. Hätte er die Gruppe anzeigen sollen? Aber bei wem und wer hätte ihm geglaubt? Der Plan war auf so vielen Ebenen derart phantastisch und falsch, dass ihm niemand geglaubt hätte. Ein Wissen, für das man ihn getötet hätte.

Es vergingen Jahre, in denen nichts weiter passierte. Erst gegen 2009 traf er Browning wieder, in der Lobby eines Kongresshotels – kaum verändert, als hätte sich dieser die vergangenen 14 Jahre in einer Zeitblase versteckt. Oder war das nur eine optische Täuschung? Sie hatten ein Dutzend höfliche Sätze und Smalltalk ausgetauscht und waren nicht auf jenes Treffen in der Wildnis eingegangen. Und doch hatte van Veidt sich urplötzlich wieder daran erinnert. Browning war inzwischen Berater im weißen Haus und für den Biotech-Etat der Regierung zuständig. Van Veidt wollte zu diesem Zeitpunkt keine Verbindung zu damals ziehen. Vielleicht hielt sein Unterbewusstsein die Idee an sich immer noch für völlig abwegig.

2017 hatte er eine merkwürdige Entwicklung auf den Getreidemärkten beobachtet und einer seiner Berater hatte sich ebenfalls besorgt geäußert. Er glaubte nicht an das Ende der Welt und doch ergriff er Maßnahmen. Drei Jahre später begann das große Sterben auf dem Amerikanischen Kontinent. Es war eine Entwicklung, die über Jahre angezogen hatte, weshalb sie nie jemand als Gefahr eingestuft hatte. Während Europa, Asien und Russland die Grenzen zu machten und jeden Kontakt mit der ehemaligen Supermacht abbrachen, nutzte van Veidt eine der letzten Möglichkeiten, um in die neue Welt überzusetzen. Dank seiner Vorbereitungen und seines Vermögens vermochte er es, sich in der Gegend um San Diego ein kleines Imperium aufzubauen, und als die Amerikanische Regierung endgültig aufgab und sich gegen die eigene Bevölkerung wandte, richtete er eine eigene kleine Regierung ein und es entstand die neue Kalifornische Republik. Über die folgenden Jahre baute er einige Teams auf, die für ihn in den Ruinen der alten Welt allerlei Artefakte und Beweise rund um Projekt Purity sammelten, stets in der Hoffnung herauszufinden, ob es am Untergang der Welt schuld gewesen war.

Er hatte nichts unternommen, als er die Gelegenheit gehabt hatte, er hatte geschwiegen, als er noch eine Stimme gehabt hatte und ja, er hatte es soweit kommen lassen, dass die Welt über den Abgrund gegangen war. Was immer in Europa los sein mochte, wusste er nicht. Er wusste nur, dass was immer hier schiefgelaufen war, eine Gefahr für die gesamte Welt darstellte und er etwas tun musste. Und er musste nun handeln, bevor es endgültig zu spät war. Das war seine Bürde, seine Aufgabe, und er hatte schon genug Zeit vergeudet!

Sein Herzschlag beschleunigte sich, mit einem Mal fuhr er neben einem fiependen Herzmonitor in die Höhe und blickte sich verwirrt um. Vor dem Fenster zog ein neuer Tag auf und der Himmel dämmerte blutrot. Hoffentlich war es nicht zu spät!

[…]

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *