072 – Ein ungleicher Kampf

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Der Anruf hatte sie gegen 5 Uhr 30 östlicher Standardzeit erreicht, kurz bevor der Kontakt mit Savanah abgebrochen war. Davor waren es lediglich Gerüchte, die an ihre Ohren gedrungen waren. Und die klangen nach einem trashigen B-Movie-Film und nicht nach etwas, das tatsächlich passieren konnte. Aber zur Hochzeit dieser Filme hatte niemand auch nur den Hauch einer Idee, dass sich die Welt einmal so extrem verändern würde. Martin hatte diese Filme als Kind geliebt, die er in den Glynn Place Kinos in den Sonntags-Matinéen nur so verschlungen hatte. Sein ganzes Leben hatte er in dieser kleinen Gemeinde verbracht, war zur Schule gegangen, hatte geheiratet und Kinder bekommen und lebte mit Alice und den beiden Söhnen Rob und Todd im ehemaligen Haus seiner Eltern. Und wenn es stimmte, was ihm dieser Offizielle aus Miami mitgeteilt hatte, würde er das alles bald verlieren.

Es blieb kaum noch Zeit, um Gegenmaßnahmen einzuleiten. Als Sheriff informierte er zuerst seine Deputies, bevor er die Offiziellen der Stadt aus den Federn klingelte. Brunswick war eine typische amerikanische Gemeinde mit schnurgeraden Straßen, wie auf dem Papier geplant. Das könnte sich aber als nützlich erweisen. Heute lebten in der Stadt noch vielleicht 5.000 Menschen und davon musste er so viele wie möglich erreichen.

Zuallererst würden sie mit Tanklastzügen einen breiten Benzingürtel um die Stadt legen. Durch Brandrodung hatten sie in den letzten Jahren die grünen Wiesen und Parks in der Nachbarschaft vernichtet, um eine möglichst klare Luft zu behalten. Sie waren immer stolz darauf gewesen, hier keine Masken zu brauchen. Und er wollte hier nicht weg oder dass sich irgendetwas an ihrem Way of Life änderte. Die Gemeinde war straff durchorganisiert, daher waren schnell 2 Tanklaster besorgt, die den gelagerten Sprit an den Grenzen der Stadt versprühten. Je mehr, desto besser. Außerdem schickte er seinen Bruder Karl mit einem Funkgerät und einem Streifenwagen los, um 2 Meilen vor der Stadt die Lage zu beobachten und sie zu warnen. Entsprechend würden sie das Benzin entzünden. Darüber hinaus hatte er den hiesigen Baumarkt plündern lassen und jede Säge, Axt und jedes Gewehr gesammelt und an die Einwohner verteilt. Er war wild entschlossen, das hier durchzustehen.

Innerlich hielt er die Warnung immer noch für einen schlechten Witz, aber er hatte gelernt, lieber auf alles vorbereitet zu sein, und es nicht zu brauchen als umgekehrt. Und so war die Stadt in nur 2 Stunden mobilisiert gewesen. Als zweite Reihe hatte man alle noch vorhandenen Wägen, Trucks und Anhänger aufgestellt und verschanzte sich dahinter. Sicherheitshalber hatte er neben den Waffen auch noch Einwegatemmasken ausgegeben. Und dann begann das bange Warten, während seine Frau und Kinder ihm moralischen Beistand spendeten.

Und bis zuletzt hatte er gehofft einer Ente erlegen zu sein, und dass sich das Ganze als Missverständnis entpuppte, doch diese Hoffnung wurde jäh zerstört. Gegen 11 Uhr 30 kam ein Anruf von Karl, der aber bereits wieder aufgelegt hatte, bevor er ans Telefon gekommen war. Dann begann es mit einem Rauschen, das ihn entfernt an Äste, durch die der Wind strich, erinnerte. Zuerst leise, bis es ins Unerträgliche anschwoll. Zu sehen war mit bloßem Auge immer noch nichts. Er kramte ein Fernglas aus dem Polizeiwagen, doch auch dort … halt, da war etwas. Doch was er da sah, ließ ihm das Blut in den Adern gefrieren und den Mund für Sekunden offen stehen, während sein Verstand sich anschickte, das Gesehene zu verarbeiten.

Es sah wie eine Welle aus, wie eine Art Tsunami, der sich aber über Land bewegte. Mit dem Fernglas erkannte er, dass die Welle aus festem Material bzw. Ästen und Trümmern, die eine Menge Schlamm vor sich herschoben. Er brüllte jetzt Befehle ins Mikrofon und der äußere Ring der Stadt entzündete sich. Ein letztes Stoßgebet gen Himmel und schon waren die Ranken am Flammenmeer angelangt. Doch anders als erhofft blieb die Welle dort nicht stehen, sondern schwappte über die eilig errichtete Mauer. Schon überspülte der Schlamm die gesamte Installation und riss die als Blocker aufgestellten Fahrzeuge mit sich. Martin schluckte, bevor er die Hand fester um die Dienstmarke in seiner rechten Hosentasche schloss. Die ersten Tentakel schossen jetzt voran und Martin schwang eine Kettensäge. Auch die anderen hatten sich bestmöglich bewaffnet und standen bereit, sich dem entgegen zu stellen. Doch für den Fall, dass ihre Bemühungen nicht ausreichten, ließ er Frauen und Kinder nach Jacksonville eskortieren. Er hoffte inständig, dass ihnen nichts passieren würde. Dann waren die Ranken da und wischten alle Gegenmaßnahmen nur so weg. Der Kampf hatte begonnen, jetzt gab es kein zurück mehr. Sieg oder Niederlage. Sie würden den anderen hoffentlich genug Zeit verschaffen, um zu entkommen. Für Alice, für Rob und Todd, für die Südstaaten Allianz!

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