070 – Strategie

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Sie hatten ihn allein gelassen. Alle hatten ihn allein gelassen. Aber es spielte keine Rolle mehr. Er brauchte für die letzten Meter vor dem Ziel keine Armee mehr oder Berater. Die waren so oder so nur Schwätzer, oder hatten ihre ganz eigenen Ziele verfolgt! Browning hatte zuletzt noch versucht, ihm ins Gewissen zu reden. Aber er hatte nur die Hosen voll. Er hatte keine Vision! Wenn man einen Staat führen will, brauchte man ein klares Bild im Kopf, wie die Welt zu einem besseren Ort gemacht werden konnte.

Naja, nach dem unplanmäßigen Einsatz dieses Katalysators war es sowieso zu spät für Gegenmaßnahmen. Außerdem, was wäre gewesen, wenn Christopher Kolumbus kurz vor der Entdeckung Amerikas umgekehrt wäre. Die Geschichte der Welt hätte einen völlig anderen Verlauf genommen.

Und so, wie sich alles entwickelt hatte, brauchten sie Frederiksen auch nicht mehr. Gut, sie mussten warten, bis sich Projekt Purity ausgebrannt hatte, aber bei der aktuellen Geschwindigkeit war der Krieg mit dem Süden vorbei, bevor er begonnen hatte. Die Pflanzen richteten mehr Schaden als, als alle ihm noch zur Verfügung stehenden Mittelstreckenraketen. Vielleicht behielt er sich für das große Finale noch ein oder zwei Sprengköpfe auf? Man wusste doch nie, wozu die noch gut wären. Ja, natürlich, am Ende zählte nur das Ergebnis und die Geschichte würde von ihm geschrieben werden. Stevens, Browning, Howards oder Fernandez hatte auch einfach nicht das Format.

Das Feuer im Kamin war heruntergebrannt und er würde bald das eine oder andere Scheit nachlegen müssen. Sein Büro war der perfekte Ort, um das Endspiel auf den Satellitenbildern zu verfolgen. Wie die grüne Hölle Stück für Stück alle Städte verschlang, und die letzten Unwürdigen mit ihnen. Die Menschen waren eine Pest, hatten den Planeten zu Grunde gerichtet. Da war es fast schon poetische Gerechtigkeit, dass ausgerechnet Mutter Natur die alte Welt läutern würde. Ob all die übereifrigen Baumfreunde und Tieraktivisten das hatten kommen sehen?

Staatsmännisch überschlug er die Beine und füllte sein Glas wieder auf. Die Augen, die ihn angsterfüllt fixierten, gaben Zeugnis von seinem Sieg. Ach warum mussten die Menschen nur so verdorben sein. Aber das gehörte jetzt der Vergangenheit an und in wenigen Stunden würde der gesamte Kontinent überwuchert sein. Dann würde sich zu den Schläfern gesellen und auf die Geburt der schönen, neuen Welt warten. Er war in absoluter Hochstimmung. Das war sein Tag! Ein Platz in den Analen der Geschichte war ihm sicher.

Sein Vater hätte das mit ansehen sollen. Er hätte ihn nicht mehr verlacht. Naja, er hatte auch nicht mehr gelacht, als das Komitee ihn wegen Landesverrat verurteilt und hingerichtet hatte. Ja, sein Vater hätte ihn nicht schlagen oder einsperren dürfen. Aber all das hatte Ephraim lange hinter sich gelassen. Rache war schließlich ein Gericht, das am besten kalt serviert wurde. Er prostete der leblosen Gestalt auf der anderen Seite des Zimmers zu. Auf die Zukunft und die neue Welt! Und alles, was sie an Errungenschaften mit sich bringen würde.

In diesem Moment sah er auf dem großen Bildschirm, wie Savannah von der Landkarte getilgt wurde. Er rieb sich die Hände und lehnte sich wieder zurück in seinen Sessel.

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