066 – Vorbereitungszug

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Präsident Forster spielte gerne Schach. Nicht, weil er darin besonders gut war oder um etwas für sein Taktik- bzw. Strategievermögen zu tun. Nein, es gab ihm ein trügerisches Gefühl der Überlegenheit – es fühlte sich elitär an. Ein Spiel für einen Feldherrn. Und weil er nur gegen sich selbst spielte, war es unmöglich zu verlieren. Die letzten Jahre der Isolation hatten den mentalen Verfall eher noch beschleunigt. Er war beratungsresistent geworden, schließlich hatte man ihn zum Präsidenten gewählt, weil er genau wusste, was das amerikanische Volk wollte. Und das amerikanische Volk bestand in diesem Fall aus den Lobbyisten, die ihn mit großzügigen Spenden hatten gewinnen lassen. Gut diese graue Maus von Bishop war nicht aus dem Quark gekommen.

Dass nur kurz nach seiner Wahl 2020 die Welt, wie alle sie bis damals kannten, einen 180-Grad-Salto in den Abgrund gemacht hatte, war nicht ganz Teil des Masterplans gewesen, den er mit seinem Stab ausgearbeitet hatte, aber damit musste er jetzt leben. Wie auch mit dem Verrat von Jimmy Stevens. Er war so enttäuscht von dem Jungen gewesen, als er es herausgefunden hatte. Er hatte ihn als Ziehsohn großgezogen, nachdem seine Familie bei der Evakuierung verschollen ging. Ein Mentor war er ihm gewesen, und ein Lehrer, in dem Versuch, ihn an die große Weltpolitik heranzuführen.

Sein Blick schweifte aus dem Fenster auf den Lichtschimmer am Horizont, der einen neuen Tag ankündigte. Heute würde der Krieg beginnen. Dabei ging es vor allem darum, jeden Widerstand direkt zu brechen und dieses Experiment mit drei unabhängigen Staaten endgültig zu beenden. Um die US Army stand es zwar nicht unbedingt rosig – die Verluste der letzten Jahre waren beträchtlich gewesen – aber die Waffenarsenale waren noch gut gefüllt. Für die Beendigung der diplomatischen Beziehungen hatte er eine Kurzstreckenrakete verwendet. Seitdem hatte er seine Berater angewiesen, den Luftraum genauestens zu überwachen, um rechtzeitig auf jede Gegenmaßnahme reagieren zu können. Für 0800 war eine Stabssitzung angesetzt, um die nächsten Schritte zu besprechen.

Der Verrat hatte seine Pläne zugegebener Maßen etwas beschleunigt und damit mussten alle Zeitfenster überprüft und ggf. an die neuen Gegebenheiten angepasst werden. Er war das Warten leid. Ursprünglich hätte die Infektionsphase nur 6 Jahre andauern sollen, aber sie hatten die Wirkung von Projekt Purity völlig falsch eingeschätzt. Statt 6 Jahre hatte er jetzt 17 Jahre warten müssen! Und seine Geduld war definitiv erschöpft. Durch den Verlust des New Yorker Labors und das rasche Ausbreiten der Purity Züchtung, nachdem ausgerechnet Jimmy Stevens den Katalysator gefunden und eigenmächtig eingesetzt hatte, würde sich der ursprüngliche Ansatz doch umsetzen lassen. Die alte Welt würde sich erst verzerren, dann brennen und eine neue Welt könnte auf den Ruinen erbaut werden und gedeihen. Und er würde die Menschen in das neue Paradies führen und sich danach in den Ruhestand verabschieden. Politik und Aufbau war etwas für junge Menschen. Knisternd brach ein Holzscheit im Kamin in der Gluthitze und ließ einen Funkenflug davonstieben. Genauso würde es laufen, zuerst die alte Welt reinigen und dann … er nippte zufrieden an seinem Whiskeyglas und ließ die kühle Flüssigkeit seine Kehle herunterlaufen.

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