065 – Der kürzere Strohhalm

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Frederiksen hätte niemals gedacht, dass man über so eine wichtige Entscheidung mittels eines Strohhalms, bzw. in diesem Fall einem wirklich kurz geratenen Kabel entscheiden würde. Jetzt schlichen sie langsam einen stockfinsteren Gang entlang, alleinig erhellt, durch einen schmalen Lichtkegel einer Taschenlampe.

Auf dem Weg nach unten hatten sie im Treppenhaus Davis‘ Leiche gefunden. Es schien wenigstens schnell gegangen zu sein. Zumindest schien die Theorie korrekt gewesen zu sein, dass die Pflanze hier bereits vorbeigerauscht war und nun einen anderen Eingang in das Gebäude suchte. So war der komplette Gang von Pflanzenranken gesäumt, die allerdings wieder in friedliche Passivität übergewechselt waren. Wie hatte es so weit kommen können? Er zermarterte sich immer noch das Gehirn. Das waren Pflanzen, verdammt nochmal. In der gesamten Geschichte der Menschheit hatte es nie einen vergleichbaren natürlichen Zwischenfall gegeben. Und sie mussten ganz dringend dem Geheimnis auf die Spur kommen, um diesen Wahnsinn hier zu stoppen.

Einige Puzzlestücke lagen bereits auf dem Tisch. Das Projekt Purity, bzw. sein Projekt ReGenesis war der Anfang gewesen. Aber was hier jetzt langsam den gesamten Norden der ehemaligen Vereinigten Staaten von Amerika überwucherte, hatte, außer einer leichten äußerlichen Ähnlichkeit, nichts mehr mit seiner Schöpfung zu tun. Und er wollte einfach nicht wahrhaben, dass seine Forschung hierfür verantwortlich sein sollte. Das war völlig ausgeschlossen!

Der Gang führte zu einem größeren Raum, der eine Art Bahnhof gewesen sein musste. Gleise führten nach zwei Seiten aus dem Raum. Ihre Entscheidungsfreude blieb hoch, weshalb sie eine Münze entscheiden ließen, welcher Richtung sie folgen sollten. Na gut, die andere Richtung erwies sich auch auf den zweiten Blick als unpassierbar. Für die nächsten Stunden folgten sie dem Tunnel durch eine fast perfekte Finsternis. Ab und an leuchteten sie umher, auf der Suche nach einer Leiter oder sonst irgendetwas nach oben. Sollten die Pflanzen erneut angreifen, wäre es das gewesen. Und bei den ganzen Leichen, die er die letzten Tage gesehen hatte, versiegte selbst seine wissenschaftliche Neugier, mehr über das Gewächs zu erfahren.

Je weiter sie vordrangen, desto mehr Wasser sammelte sich am Boden und desto matschiger wurde der Untergrund. Am Ende wateten sie bis zur Hüfte durch eine erdige, schleimige Masse, die sich die letzten Jahre hier abgesammelt hatten. Als Angela ihm von Amys Tod berichtet hatte, hatte er gar nichts gespürt. Und das belastete ihn. Amy war ein menschliches Wesen, und auch wenn sich die beiden nie wirklich gut verstanden hatten, so hatte er sie respektiert. Das Mädchen war immens clever gewesen und hätte so vieles noch erreichen können. Es eine Schande zu nennen traf es einfach nicht. Erst mit der einsinkenden Erkenntnis hatte sich so etwas wie Trauer gezeigt. Und jetzt war sie fort und hinterließ seines Wissens eine Schwester.

Sie hatten so viele gute Menschen verloren. Es wurde Zeit, den Spieß umzudrehen, um wieder auf Kurs zu kommen. Zwischendurch meldete sich der Husten immer wieder zurück, sobald das Adrenalin nachgelassen und seinen Körper so einem großen Stress- und Risikofaktor ausgesetzt hatte. Er sah zu Angela hinüber, doch sie hatte nur die Finsternis vor ihnen im Blick, während ihr neuer Freund ihren Rücken deckte. Wenn er nur noch den Namen wüsste. Aber Hauptsache sie kamen hier schnell raus. Und doch am Ende tat sich in der Decke eine Öffnung auf und eine Treppe führt nach oben. Wo sie diese wohl hinführte? Wo sie wohl waren und wo der nächste Ausstieg sein würde? Sicher war nur eins: Die Gefahr hing weiterhin schwer über ihnen und sie mussten das Beste daraus machen. Der Rest bestand darin, in dieser Welt durch zusätzliches »Glück« ihre Chancen ans Ziel zu kommen zu verbessern. Doch der Aufstieg erwies sich schnell als Sackgasse und sie mussten ihre Suche von vorne beginnen. Auf dass sie hoffentlich bald fündig würden.

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