064 – Happy Birthday

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[…]

Als Emanuel erwachte, lag er in einer Zelle auf einer Pritsche. Immerhin hatten sie ihm inzwischen die Fesseln abgenommen, das hieß, dass bald seine Chance zur Flucht kommen würde. Man hatte es wohl für den Moment aufgegeben, ihm weitere Fragen zu stellen, denn außer Name, Einheit und Rang hatte er ihnen nichts zu sagen. Seine Mission war gescheitert, aber er hatte das Missionsziel immer noch vor Augen – Frederiksen entführen und nach Niagara Falls zum Präsidenten bringen.

Doch als er dieses Mal die Augen geöffnet hatte, stand da ein Teller mit einem Stück Kuchen und darauf. Mit einer einsamen brennenden Kerze. Daraus hätte sich etwas machen lassen, hätte man aus der Zelle nicht alle brennbaren Stoffe entfernt. Dann hatte sich die Tür geöffnet und ein alternder Mann in Militäruniform hatte sich ihm gegenüber gesetzt. „Und was hält mich jetzt davon ab, Sie anzuspringen und Ihr Genick wie einen Zahnstocher zu zerbrechen?“, hatte er angriffslustig das Gespräch eröffnet.

Waren seine bisherigen Gesprächspartner jüngere Soldaten gewesen, so schien dieser hier sein ganzes Leben gedient zu haben und jetzt vom Alter her im Unruhezustand zu sein. Auf die offene Provokation ging er gar nicht ein. Statt dessen lächelte er wissend: „Das werden Sie nicht tun. Zum einen wollen Sie wissen wer ich bin, zum anderen würden Sie dann in dieser Zelle verrotten, denn ich bin der Einzige hier, der ein Interesse daran hat, Sie am Leben zu lassen!“ Der Blick des Alten war hart und offenbarte soweit keine sichtbaren Schwächen, die Emanuel hätte angreifen können.

„Lt. Thomas T. Emanuel, Feldjäger Sondereinsatzkommando – ich habe es Ihren Leuten schon gesagt! Lassen Sie mich gehen, oder …“ – doch der Andere war nicht aus der Ruhe zu bringen, sondern fuhr stoisch fort: „Herzlichen Glückwunsch, Mr. Thomas, ich gratuliere Ihnen sehr herzlich zu Ihrem Geburtstag!“ Für einen Moment war Emanuel sprachlos und sein Gegenüber nutzte das aus, um fortzufahren: „Wir wissen alles! Wir kennen Ihre Mission, wir wissen, dass Sie aus Boston stammen. Ihre Eltern und beide Geschwister starben in den frühen Tagen nach der Katastrophe, Sie selbst überlebten nur knapp. Und heute ist Ihr Geburtstag, also dachten wir uns, vielleicht können wir so etwas das Eis brechen …“, er deutete auf das Stück Kuchen, das mangels eines Tisches oder anderer Möbelstücke auf dem Boden vor Emanuels Füßen stand. „Bienenstich, Ihr Lieblingskuchen. Das hat unsere Küche vor einige nicht ganz leichte Herausforderungen gestellt, dementsprechend musste sie an der einen oder anderen Stelle etwas improvisieren. Wir hoffen er schmeckt Ihnen trotzdem.“

Wollte dieser Kerl ihn verarschen? Man bewirtete seine Gefangenen nicht mit Kuchen – ob sie Geburtstag hatten oder nicht. „Das muss der Neid Ihnen lassen, Sie haben Eier! Reden werde ich trotzdem nicht!“ – Die Miene des Altmilitärs zuckte zu keinem Zeitpunkt und blieb bei einem perfekten Pokerface. Er konnte ihn überhaupt nicht einschätzen. „Wir wissen alles! Dementsprechend bleibt die Frage, ob wir Sie noch gebrauchen können oder eher nicht … aber wo bleiben meine Manieren: Ich bin …“ – „Forbes“, schnitt Emanuel Forbes das Wort ab. „Sehr gut, mein Ruf eilt mir voraus. Um zum Punkt zu kommen: Sie wollen Frederiksen entführen, was ich nicht zulassen kann. Da Ihr Arbeitgeber sie soweit im Stich gelassen hat, könnten Sie einen Verbündeten gebrauchen. Und auch wenn Sie Frederiksen nicht mitnehmen können, haben Sie doch interessante Insider-Informationen.“ – Emanuel blickte jetzt an Forbes vorbei auf die Wand. Vielleicht sollte er einfach etwas mitspielen, und dann den Alten beim Rausgehen ausknipsen. „Ich weiß nicht“, spielte er den schwer zu Bekommenden,“Was bieten Sie mir an?“ – „Sie meinen unabhängig von ihrem Leben? Das Richtige zu tun … Sie haben einiges an schlechtem Karma auf sich geladen. Und Ihre Besessenheit Frederiksen gegenüber wird Sie ins Gefängnis bringen. Außerdem haben Sie auf meinen besten Freund geschossen – Sie können von Glück reden, dass er noch lebt. Sonst wären Sie schon nicht mehr am Leben.“

Emanuel überlegte, „Also gut, Mister, was wollen Sie wissen? Dann kann ich Ihnen meinen Preis nennen …“

[…]

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