061 – In den Staub

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[…]

Frederiksen blinzelte ein wenig gegen das einfallende Licht der flackernden Neonröhren. Der Alarm schien inzwischen verklungen zu sein. Wie lange er wohl hier gelegen haben mochte? Die Brandschutztore waren immer noch geschlossen und er damit auf dem Gang eingesperrt. Die Tore hatten durch ihre Wucht glatt durch die Ranken geschnitten, die jetzt völlig regungslos da lagen, als hätte es den Zwischenfall nicht gegeben. Für den Moment zumindest schien keine Gefahr mehr von den Pflanzen auszugehen. Was ihr aggressives Verhalten nur ausgelöst hatte? Pflanzen waren keine denkenden Wesen. Sie taten, was sie taten aus einem rein biologisch notwendigen Antrieb. Die Züchtung, mit der Frederiksen sich befasst hatte, war dagegen völlig passiv gewesen.

Langsam richtete er sich auf und kam auf die Beine. Der Rücken schmerzte und auch sonst hatte er einige Blessuren davongetragen. Er musste laut husten, denn der Staub kitzelte in seinen Lungen. Er riss sich mit Mühe ein Stück Stoff aus dem Hemd, um es mit seinem Arm vor Mund und Nase zu drücken und ärgerte sich über sich selbst, weil er seinen Schutzanzug in der Schleuse der Anlage zurückgelassen hatte. Wer hätte mit einem derartigen Angriff gerechnet? Na gut, die Pflanzen schienen sich jetzt exponentiell über den gesamten Kontinent auszubreiten und es war wohl nur eine Frage der Zeit gewesen, bis sie es nach New York geschafft hätten, aber … er hielt für einen Moment inne, taumelte und lehnte sich gegen das Feuerschutztor zum Treppenhaus. Ein Hustenanfall ließ ihn Teile des Staubs wieder aushusten. Während des Angriffs hatte der Adrenalinpegel sein Asthma in Zaum gehalten, doch jetzt kam es zurück.

Zögerlich kam jetzt auch die Erinnerung an alles vor dem Angriff wieder an die Oberfläche und damit der Schmerz. Angela hatte seine Frau umgebracht. Es mochte Notwehr gewesen sein, unverzeihlich war es trotzdem. Maya hätte nie etwas Böses getan. Sie wahr ergebnisorientiert und zielstrebig gewesen und hier in einem unterirdischen Geheimlabor Menschenversuche abzuhalten, dass klang gar nicht nach der Frau, mit der er Jahre zusammengelebt hatte.

Ein weiterer Hustenanfall ließ ihn zur gegenüberliegenden Wand taumeln. Er versuchte erneut mittels Lippenbremsentechnik das Rasseln abzustellen. Dann sah er sich in seinem neuen Gefängnis um. Rundherum waren alle Türen zu anderen Räumen oder dem Treppenhaus hinter Feuerschutztoren versteckt. Immerhin hatte die Anlage noch Strom, es sollte also hoffentlich irgendjemand in der Lage sein, sie hier rauszuholen. Und dazu sollten sie sich nicht zu viel Zeit lassen, denn was immer sie angegriffen hatte – dieser Pflanzenmutant – könnte zurückkommen. Und Frederiksen wusste nur zu gut, dass Pflanzen sich auch durch die engsten Spalten quetschen konnten. Normalerweise dauerte das Wochen und Monate, aber was war dieser Tage schon normal.

Nach einer kurzen durch weitere Hustenattacken unterbrochenen Denkpause und einer Orientierung im Raum baute er sich vor dem Tor auf, hinter dem er die anderen vermutete. Angela und Amy und wer von seinen Begleitern den Pflanzen vielleicht noch entkommen war. Er nahm einen tiefen Luftzug, um die Hand kurz von Mund und Nase zu nehmen und gegen das Tor zu hämmern. Nichts. Oder doch? Es mochte eine halbe Minute gewesen sein, da hörte er dumpf pochend eine Antwort. Er war nicht alleine. Sehr gut, jetzt mussten sie nur noch einen Ausweg aus diesem Gefängnis finden und dann nichts wie weg. Vielleicht fanden sie noch ein paar Forschungsdaten, die waren ihm im Moment aber eigentlich egal. Seine Frau war tot und er bald auch, also musste er sich etwas einfallen lassen. In schlechtem Morsealphabet schickte er eine Nachricht auf die andere Seite. Bleierne Sekunden vergingen bis zur Antwort. Und er hatte eine Idee für einen Plan!

[…]

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