060 – Aus der Asche

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[…]

Der Traum war wieder gekommen – der Traum mit dem Feld, auf dem er mit Maya gesessen hatte. Doch diesmal saß er alleine dort. Maya war fort. Und das hatte er bis jetzt nicht wirklich realisieren können. Erst jetzt in seiner Schlafphase, in der sein Körper sich ganz langsam entspannte und seine Gedanken sich lösten, war es ihm möglich, durch den Schleier aus Schmerz zu blicken. Und sein Verstand kehrte langsam wieder zurück. Genau wie die Fragen, die er bislang verdrängt hatte.

Er hatte wirklich nicht damit gerechnet, Maya ausgerechnet hier in einem unterirdischen Bunkerkomplex zu finden. Was hatte sie bloß hier gewollt? Warum war sie hier gewesen? Und woran zum Teufel hatte sie geforscht? Es musste wichtiger gewesen sein, als zu ihm zurückzukommen. Hatte sie ihn nicht vermisst?

Und dann saß er in ihrer kleinen Washingtoner Wohnung am Esstisch. Ein saftiges Stück Apfelkuchen lachte ihn an. Daneben wartete eine Tasse Früchtetee, auf Zimmertemperatur herunter gekühlt. Der Tag X war nie passiert und das, obwohl er schon längst hätte passieren müssen. Als er noch im Krankenhaus gelegen hatte, klebte Frederiksen an den Nachrichtensendungen. Aber nichts war passiert. Der Tag war gekommen und vergangen. Präsident Foster hatte Ansprachen zur Lage der Nation, zu seiner oft kritisierten Gesundheitspolitik und zum schwelenden Konflikt mit Nordkorea gehalten. Doch über das Ereignis, das Frederiksens Leben so grundlegend verändert hatte, blieb es bei absoluter Funkstille. Die Bilder der Kinder, die mit Gasmasken auf dem Spielplatz herumtobten, verblassten langsam. Auch die Straßenschlachten, als die Bevölkerung sich gegen die Nationalgarde und die Armee stellte, die für die Aufrechterhaltung der Ordnung vom Präsidenten bestellt worden waren, das alles war nie passiert.

Die Küchenuhr – ein schreckliches Erbstück seiner Großeltern, die mit einer kleinen Kuckucksfigur die volle Stunde begrüßte – hatte eben 5 Uhr nachmittags geschlagen und hinter ihm ging die Tür und Maya kam mit zwei vollen Einkaufstüten herein. »Na, wie geht’s dem Patienten heute?«, hatte sie mit diesem verführerischen Lächeln im Mundwinkel gefragt, in das er sich bei ihrem ersten Treffen unsterblich verliebt hatte. Doch so wunderbar das alles war, es hörte nicht auf, sich völlig falsch anzufühlen. Die Erinnerungen an seine Welt mochten verblassen, aber auslöschen ließen sie sich nicht. Die Leichenberge, die in den Mülldeponien verbrannt worden waren – ein Bild, das durch die Medien ging und das Fass zum Überlaufen brachte. Oder die Soldaten, die auf hungernde Menschen geschossen hatten. All das Unrecht, das in den Straßen geherrscht hatte, während die Regierung untergetaucht war. Und so kamen auch die bohrenden Fragen wieder …

»Was hast Du in New York City gemacht? Wonach hast du geforscht?«, er wusste, dass sie hinter ihm stand, doch er drehte sich nicht um. »Was meinst du?«, hatte sie unwissend zurückgefragt. »Warum bist du nicht zu mir zurückgekehrt? Was hat dich aufgehalten? Und wo warst du die letzten Jahre?« – jetzt umrundete sie den Tisch, setzte sich ihm gegenüber und lehnte sich zu ihm herüber, um mit ihren sanften, warmen Händen, die zitternden seinen zu halten. »Es war eine schwere Zeit für dich und ich verstehe, dass die Schuld alleine mich trifft. Ich hätte dich nicht bewerfen dürfen. Aber das liegt jetzt hinter uns, einverstanden? Ein Neuanfang! Keine Geheimnisse mehr, nichts was zwischen uns steht …« Sie sah ihm tief in die Augen, völlig ernst und die Wahrheit sagend. Zumindest ihre Augen taten das. Sie hatte keine Ahnung von der anderen Welt und dem Schrecken, den er erlebt hatte – den sie alle erlebt hatten. Er war nicht mehr der Mann, der er damals gewesen war. Er war älter und vielleicht etwas reifer geworden. Nachdenklich und melancholisch sah er den leichten Schwebeteilchen zu, die sich am Boden seines Tees absetzten. Und er wusste, dass dies hier nicht real war und dass er zurück in seine Welt musste. Er schlug die Augen auf.

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