059 – Auf der Schwelle

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Kapitel 11: Schlechte Nachrichten für Zuhause

Captain Durham hatte in den letzten Jahren viel gesehen. Das Gesicht des alten Seebären hatte tiefe Furchen und wären die Zeiten anders, hätte er sich längst auf sein Altenteil zurückgezogen. Jetzt stand er auf der vorderen Aussichtsplattform der USS Lexington und suchte mit einem Feldstecher den Horizont ab. Seit er das Kommando an Bord übernommen hatte, war das Schiff nie in direkte Kampfhandlungen verwickelt worden und er wollte daran eigentlich auch nichts ändern. Und doch stand ihnen allen ein Krieg bevor, den diese von Schmerz und Leid durchzogene Welt nicht gebrauchen konnte. Er war in jungen Jahren zur See gefahren, weil er Konflikte verhindern und Menschen helfen wollte. Er war wieder aktiv geworden, als nach der großen Katastrophe sich die Lage in Corpus Christi nicht bessern wollte.

Zusammen mit anderen Veteranen hatte er die USS Lexington, einen alten Flugzeugträger aus dem Zweiten Weltkrieg, der schon Jahre zuvor zum Museum umfunktioniert worden war, wieder flott gemacht und die Ostküste abgefahren, in der Hoffnung einen besseren Ort zu finden. Am Ende hatte er alle Bewohner der Stadt, die ihrem Elend entkommen wollten, an Bord des Schiffes gebracht und vor der Küste eine eigene Siedlung fern ab von Pollen und Politik gegründet.

Hilfe hatten sie dabei vor allem von einem reichen Millionär aus Kalifornien bekommen, der als Gegenleistung das Schiff für Zwischenlandungen nutzen konnte, denn der gesamte Norden der ehemaligen Vereinigten Staaten war unbewohnbar geworden. Zum Ausgleich brachten die Flugzeuge dringend benötigten Proviant, Medikamente und Handelsgüter, um eine schwimmende Stadt aufzubauen.

Und inzwischen lebten hier über 3.000 Zivilisten, die in der Enge der Kajüten ein neues Zuhause gefunden hatten, nachdem ihre jeweiligen Städte entweder der Natur, Plünderern oder Seuchen zum Opfer gefallen waren. Eine große Verantwortung für ihn und seine Crew von etwa 100 Mann, die das Schiff permanent warten mussten. Aber auch eine erfüllende Aufgabe für ihn, weil er endlich einen Weg gefunden hatte, Menschen zu helfen und Hoffnung in diesen dunklen Tagen zu geben.

Die meisten Flugzeuge und Hubschrauber waren inzwischen über Bord gegangen und deren Hangars für weitere Quartiere und Einrichtungen verwendet worden. Trotzdem verfügte die Lexington immer noch über 8 Hubschrauber, 2 Barkassen und ein Kanonenboot,  das mehrmals täglich seine Runden zog, um frühzeitig etwaige Angriffe kontern zu können. Er war wirklich stolz, auf alles, was sie in den letzten Jahren unter großen Entbehrungen geleistet hatten, doch nun stand all das auf der Kippe. Und das nur, weil irgendein Politiker seine große Chance für gekommen sah und bei einer großen Expedition einen diplomatischen Dialog harsch und gnadenlos beendet hatte. Die gewaltige Explosion und den Lichtblitz hatten sie gestern Abend allzu deutlich gesehen und seine Rückfrage nach San Diego bestätigte seine schlimmsten Befürchtungen.

Durham hatte sich schon gewundert, wo nach dem großen Zusammenbruch die Regierung hin verschwunden war. Offensichtlich in eine Art von Bunker oder Schutzraum, wo sie Jahre auf ihre große Chance gewartet hatten. Und jetzt, wo sowohl Miami, als auch San Diego Männer in einem Powerplay verloren hatten, schien die Gelegenheit günstig. Seitdem er den Explosionspilz am Nachthimmel entdeckt hatte, konnte er nicht mehr schlafen und tigerte nervös durch alle Aussichtspunkte. Warum konnten diese Politiker nicht endlich ihren Job machen und Frieden herstellen – soviel war von der Zivilisation nicht mehr übrig. Er seufzte und beschloss, der Funkbude einen Besuch abzustatten. Nach dem Feedback aus Kalifornien fehlte noch immer die Rückmeldung der Südstaaten-Koalition. Er betete inständig, es würde sich noch eine friedliche Lösung finden lassen, dafür war in den letzten Jahren aber wohl zuviel passiert. Doch wenn jetzt die Regierung wieder auf der Bildfläche erschienen war, schien ein Konflikt unvermeidlich.

Er wies seine Nummer 1 an, einen Hubschrauber fertigzumachen, um die Gruppe Forscher in New York abzuholen, bevor die Stadt völlig von einem grünen Monster verschlungen worden war. Dann – so überlegte er – müsste er aber dringend mit van Veidt sprechen. Sie mussten noch viel mehr Raum zwischen sich und die Küste bringen, um ihre Neutralität nicht zu verlieren. Er hoffte, der Millionär würde Verständnis dafür haben. Bei einem offenen Krieg wäre er lieber auf Hochsee in Sicherheit. Und wieder setzte er das Fernglas an und versank tief in seinen Gedanken.

[…]

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