058 – Angelface

chap010

[…]

In den letzten Tagen war so viel geschehen, dass Angela sich inständig wünschte, sie würde aus dem Alptraum aufwachen und alles wäre wieder gut. Doch es würde nie wieder gut werden. Im einen Moment hatte sie endlich ihre wahre Bestimmung erkannt und wusste, was sie tun musste, im nächsten Moment zog ihr jemand schon wieder den Boden unter den Füßen weg. Aber sie war eine Kämpferin und wie sie gekämpft hatte …

Als die Ranken durch den Raum schnalzten wie Peitschen, war sie automatisch in Deckung gegangen. Während Frederiksen in Panik das Weite gesucht hatte, war sie in den Nachbarraum gewechselt. Dort lag Amy und sie hatte sich geschworen, sie zu beschützen. Das Adrenalin pulsierte durch ihren Körper und ließ die Szenerie in Zeitlupe verlangsamen und dann gefrieren. Vor ihrem geistigen Auge malte sie sich eine grobe Umgebungskarte aus, in die ihre Erinnerung die Standorte ihrer Begleiter eintrug. Davis war losgezogen, um den Keller zu inspizieren. Da dort das Wildgewächs herzukommen schien, waren seine Chancen schlecht. Aber seine Kollegen hatten eine relative Chance. Der eine hatte bei Amy Stellung bezogen, der dritte und letzte stand im Gang. Als sie den Eingang zum Labor erreichte, auf dem die schwer Verletzte noch auf einer Pritsche lag, aktualisierte sie ihre Gedankenkarte und machte beide verbliebenen Marines – sie hatte ihre Namen nicht mitbekommen, sie waren ihr in diesem Moment aber auch egal – an der Tür zum Flur aus, wie sie ihre MPs griffen und den Ausgang zum Flur säumten. Aus der Deckung ließen sie Salven auf den Eindringling niederprasseln, welcher aber völlig unbeeindruckt weiter seine Ranken wie Zungen durch den Raum lecken ließ.

Mit einem Blick hatte sie den Raum nach möglichen Waffen gescannt und neben einer Feueraxt, die sie im äußeren Flur in einem Glaskasten hängen sah, gab es noch zwei klobige Rollschemel, die sich als Wurfgeschosse eigneten und eine Brechstange, die an einer der Wände lehnte. Letztere erschien ihr als beste Option, eine Waffe hatte man ihr nicht mitgebracht. Mit dem Metallstab in der Hand vollführte sie einen Hechtsprung, gefolgt von einem Purzelbaum, um vor Amys Pritsche Stellung zu beziehen. Es waren schon so viele gestorben, das musste ein Ende haben!

Das alles war dank des Adrenalins in wenigen Sekunden passiert, und so hatte sie einen kurzen Moment zum Nachdenken, bevor die Ranken in Reichweite ihrer Waffe waren. Doch sie hatte die Geschwindigkeit dieser Pflanze trotz der vorangegangenen Erfahrung von Washington DC abermals unterschätzt. Als drei massive Rankenstränge durch den Eingang schossen, sprang sie zu Amy, um sie von der Pritsche in Sicherheit zu ziehen. Doch stattdessen erwischte sie der Angriff des Gewächses und eine Hauptranke spießte Angela mit der Schulter an die Wand. Dadurch drängte sich dieses Biest zwischen Amy und Angela schuf einen so großen Abstand, dass Angela ihre Brechstange nicht zum Einsatz bringen konnte. So musste sie schon wieder hilflos mit ansehen, wie ein Missionsziel verfehlt wurde und der Körper von Amy in einem Pulk Ranken verschwand. Sie sah nicht, was danach mit dem Körper geschah, aber das schmerzhafte Knacken, das unter dem Haufen zu hören war, verhieß nichts Gutes. Mit der schieren Kraft der Verzweiflung tänzelte Angela sich frei, den stechenden Schmerz in der Schulter völlig ignorierend. Sie mussten hier schnell raus und sich dann neu formieren.

Doch so urplötzlich, wie die Plage über sie gekommen war, so schnell war sie wieder verschwunden. Die Feuertore fielen mit einem lauten Scheppern zu Boden und trennten alle Ranken in tausende Stücke. Sie waren gerettet, aber wer …? Einer der Soldaten musste geistesgegenwärtig den Feueralarm ausgelöst haben. Davor hatte Angela nur noch Frederiksen beobachtet, wie dieser vergeblich versuchte, eine Feueraxt mit seinem verbliebenen Arm aufzunehmen. Während gefühlt alles um sie herum zu Boden fiel und auch Angela dadurch freikam, hatten die beiden verbliebenen Marines sich weiter in eine Ecke gekauert. Doch jetzt galt Angelas Sorge erstmal wieder Amy. Sie stürzte zu der Stelle, wo Amys Körper von den Ranken überrollt worden war und schluckte hart. Es war ein schrecklicher Anblick und der Körper hatte kaum noch menschliche Züge. Jetzt brachen selbst bei ihr die Dämme, sie sank auf die Knie und Tränen liefen ihre Wangen herunter, während sie noch erfolgreich ein Schluchzen unterdrückte. Das alles war eine verdammte Schweinerei und irgendjemand würde dafür bezahlen und das doppelt und dreifach … mit Zinsen und Zinseszinsen!

Ende Kapitel 10

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