057 – Aufwärts

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[…]

Er trauerte und hasste die Welt. Und besonders hasste er Angela Porter, die ihm seine Frau ein zweites Mal genommen hatte. Der Hoffnung, sie irgendwo noch zu finden und doch noch das Traum-Happy-End zu bekommen, war der Gewissheit gewichen, dass Maya nie wieder in seinem Leben auftauchen würde. So gerne hätte er sich für immer in eine Ecke zurückgezogen. So gerne das Ende der Zeit dort mit angewinkelten Beinen eingeigelt verbracht. Doch von einem Moment auf den anderen brach das Chaos über sie herein.

Ein halbes Dutzend Ranken schossen durch den Raum, Zentimeter an seinem Kopf vorbei und ließen ihn reflexartig zusammenfahren. Vergessen waren Trauer und Schmerz, vergessen war sein fehlender Arm, jetzt griffen die Urinstinkte und das einzige Ziel hieß überleben. Und er hatte es so satt das Opfer zu sein! Nein, er würde hier und heute nicht draufgehen. Während er aus den Augenwinkeln Angela sah, die zur Seite gehechtet war und nun in den Nachbarraum entkam, fand er sich auf allen Vieren in die andere Richtung rutschend wieder.

Die Ranken schienen keinem besonderen Muster zu folgen. Sie waren von Widerhaken überzogen, an denen alle Möbel und andere Dinge hängen blieben, an denen sie entlang schrammten. Dadurch wurden sie ausgebremst und Frederiksens Überlebenschancen stiegen deutlich. Wenn er es schaffte, in einen höheren Stock dieses verdammten Bunkers zu kommen, fand er vielleicht ein Versteck. Besonders zielgerichtet schien der Angriff nicht zu sein. Er versuchte verzweifelt seine Brocken Botanikwissen abzurufen, doch sein Gehirn verweigerte sich. Er robbte stattdessen weiter und hörte Schreie und Rufe aus einem der benachbarten Räume. Er musste irgendetwas tun, aber was? Er war kein Soldat mit Kampfausbildung, er war ein Labortiger, verdammt nochmal! Sein Blick wanderte wild durch den Raum, während die Ranken sich tentakelartig durch den Raum tasteten und eine Spur der Zerstörung hinter sich ließen. Er drückte sich gebückt an der Wand entlang und erreichte den Gang. Auch hier war kaum etwas Brauchbares zu sehen. Dann verfing sich sein Blick an einer Feueraxt, die in einem Glaskasten an der Wand hing.

Mit dem Ellenbogen seines verbliebenen Arms brauchte er drei Schläge, um an die Waffe zu gelangen. Er riss sie an sich und sie entglitt erstmal seiner Hand. Das Ding war schwerer, als es aussah. Eine Fluchkanonade verließ seinen Mund und erneut blickte er sich nach einer möglichen Waffe zur Verteidigung um. Ranken kamen jetzt von mehreren Seiten auf ihn zu. Was waren seine Optionen? »Denk, Frederiksen, denk! Idiot!« grummelte er in seinen nicht existenten Bart. Erstmal floh er weiter zum Treppenhaus, wo sich von unten diverse Ranken auf dieses Stockwerk gedrängt hatten. Weiter nach oben waren sie jedoch noch nicht gekommen, also konnte das seine Chance sein. Mit wenigen unbeholfenen Schritten hatte er die Stufen erreicht, nur um im nächsten Moment zu stolpern und von einer ihm folgenden Ranke am Bein gepackt zu werden.

Nein, so wollte er wahrlich nicht enden. Während ein Zug am Bein ihn von den Füßen holte und zurück in den Gang zog, versuchte er sich verzweifelt an irgendetwas festzuklammern. Doch nichts bot wirklichen Halt. Dann ertasteten seine Hände einen kleinen Kasten, der neben dem Glaskasten mit der Feueraxt gehangen hatte. Mit letzter Kraft schlug sein Arm durch das Schutzglas und betätigte den roten Knopf. Binnen Sekunden erfüllte ein ohrenbetäubender Lärm die Anlage und eine Ansage verkündete: »Dies ist ein Feueralarm! Bewegen Sie sich bitte und bewahren Sie Ruhe! Die Schutztore werden zu ihrer Sicherheit geschlossen!« Und dann wurde der Spuk so schnell beendet, wie er begonnen hatte und mit einem lauten Krachen trennten die Brandschutztore die Ranken in kleine Teile und verschafften ihnen eine kurze Atempause. Erschöpft und außer Atem hielt er sich mit dem einen Arm an der Wand fest, nur um sich dann rücklings daran abzustützen und zum Boden rutschen zu lassen. »Nur eine kurze Pause bitte … kann gleich wieder losgehen«, doch er bezweifelte, dass ihn überhaupt jemand hören konnte. Sobald er wieder bei Atem war, würde er nach den anderen sehen. Doch die Müdigkeit übermannte ihn und er fiel völlig erschöpft in einen unruhigen Schlaf.

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