056 – Der schmale Grad

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Es war spät und kalt geworden und Jimmy Stevens fror. Es mochte eine gute Stunde gewesen sein, als ihn der Hubschrauber hier abgesetzt hatte, aber er wollte lieber zu früh als zu spät sein. Diplomatie erforderte Disziplin – und den anderen immer einen Schritt voraus zu sein. Und er beherrschte das Spiel gut! Das unterschied ihn vom Präsidenten, der sich als Nabel der Welt sah und kaum aus seinem Elfenbeinturm zu bekommen war. Eine Situation wie die, in der sie sich inzwischen befanden, erforderte ein zielstrebiges und lösungsorientiertes Vorgehen und ein nicht zu unterschätzendes Maß an Eigeninitiative. Und Jimmy war sehr geduldig gewesen, bis ihm sich die perfekte Chance dargeboten hatte.

Da war dieses Forschungslabor entdeckt worden, wo noch die ursprünglichen Proben von Projekt Purity gelagert wurden. Aber nicht nur das, auch ein Pestizid, das nicht nur eine komplette Heuschreckeninvasion verhindern konnte und dabei das Wachstum der Nutzpflanzen steigerte. Manche mochten es als Schicksal betrachtet haben, dass diese beiden Formeln zufällig verbunden wurden, andere vielleicht ein Zeichen Gottes, Jimmy aber wusste, dass es nur am richtigen Mann zur richtigen Zeit gelegen hatte. Gut, er hatte nicht ganz mit dieser starken Überreaktion der Purityzüchtung gerechnet, aber am Ende spielte das seinem Plan eher in die Hände. Denn je verzweifelter die Situation war, desto wichtiger würde es sein, eine Lösung zu finden. Und Probleme dieser Größenordnung hatten die magische Fähigkeit, bürokratische Hürden zu Staub zerfallen zu lassen.

Ein Blick auf die Armbanduhr verriet ihm, dass sein Besuch spät dran war. Aber schließlich hörte er einen Hubschrauber näher kommen, der wenige Minuten später vor ihm auf dem verlassenen Parkplatz des Altaire Megamarktes landete. Der erste Mann, der ausstieg, ein Mitte-Fünfziger Schlipsträger mit graumeliertem Halbkranz war Dr. Erik Scheffer, seines Zeichens Patriarch einer der größten Öl-Dynastien in Neu-Texas. Mit ihm hatte Jimmy gerechnet. Ein zweiter Mann, der Wirtschaftsminister der Allianz, Dane Schuster, ebenso. Doch als ein dritter Mann ausstieg und mit staatsmännischem Grinsen auf ihn zukam, drehte sich Jimmys Magen um. Jack Faulconer war der zweite Bürgermeister von Las Vegas. Eigentlich sollte beim allerersten Treffen noch kein Vertreter der neuen kalifornischen Republik mit dabei sein, weil Jimmy diese noch nicht ganz einschätzen konnte. Warum hatte man seinem ausdrücklichen Wunsch nicht entsprochen?

»James, es ist mir eine Freude, sie endlich einmal persönlich zu treffen!«, kam Scheffer mit einem zum Gruß ausgestreckten Arm auf ihn zu. Die Männer schüttelten sich die Hände. »Das Vergnügen ist ganz meinerseits! Auch dass Sie Mr. Schuster gleich mitgebracht haben …« – »Aber mit mir hatten Sie nicht gerechnet, was James?«, Faulconer war der Bilderbuch-Politiker mit einem unverwüstlichen, verschmitzten Grinsen und einer Musterschwiegersohnattitüde. Jimmy hasste diesen Typus. Die kurz entstandene Stille ignorierend, fuhr Faulconer fort, »Die Situation hat sich massiv zugespitzt. Ich gehe davon aus, dass Ihr Geheimdienst Ihnen vom Fall von San Francisco berichtet hat?« – scheinbar hatte die Purity Züchtung die einzige noch verbliebene Kuppelstadt auf dem amerikanischen Kontinent überlaufen. Ein bedauernswerter Kolateralschaden in Jimmys kleinem Spiel, aber wohl kaum planbar, bzw. zu vermeiden gewesen.

»Ich verstehe und begrüße Ihr kommen! Neben Washington DC sind in den vergangenen Monaten auch New York City und Boston überlaufen worden und damit alle dort noch versteckten Überlebenden. Ich bedauere das sehr und fühle mit Ihnen, Jack.« Er streckte ihm einen Aktenkoffer entgegen: »Das ist der Grund, weshalb ich Sie hierher bestellt habe … in diesem Koffer sind die uns vorliegenden Forschungsunterlagen zu dieser schrecklichen Pflanzeninvasion, in der Hoffnung, wir könnten unsere Anstrengungen auf ein Gegenmittel bzw. einen wirksamen Schutz gemeinsam fortführen. Ein Zeichen unseres Vertrauens!« – bzw. unserer Vormachtstellung, ergänzte Jimmy in Gedanken.

Er wollte gerade mit seiner geübten Rhetorik fortfahren, als sein Satellitentelefon klingelte: Doktor Browning? »Oh, Verzeihung, da sollte ich rangehen …« – dieser alte Narr sollte doch den Präsidenten beschäftigen, damit Jimmy ungestört sein Treffen abhalten konnte. Er musste ihn schnell loswerden und dann die Gespräche abschließen, damit er morgen früh wieder in Niagara Falls sein konnte. Doch die Stimme am anderen Ende der Leitung war eine andere und Jimmys Hals schwoll zu – ließ ihn kurz nach Luft schnappen: »Lieber Jimmy, du dachtest, du könntest hinter meinem Rücken so eine linke Nummer abziehen?« – es war Ephraim Foster III höchstpersönlich. »Sir, was meinen Sie … ich …« – »Du bist ein linkes Wiesel, ein Speichellecker, aber von wahrer Politik weißt du nichts! Man wird nicht Präsident, wenn man nicht immer einen Schritt voraus ist. Bzw. man bleibt es nicht.«

Jimmy Stevens war aufgeflogen und mit einem Mal leichenblass. Während die drei Staatsmänner versuchten Jimmys Gesichtsausdruck zu deuten, schwante dem jetzt ehemaligen Assistenten des Präsidenten der Vereinigten Staaten Schlimmes! Foster klang ruhig, überlegen und berechnend. Er hatte Jimmy genau da, wo er ihn hatte haben wollen. Und er ließ ihn das spüren … »Ich muss dir ein Kompliment machen! Gleich Vertreter beider Splitterstaaten hierher zu locken … eigentlich wollte ich nur die Südstaaten, damit ich diese neutralen Feiglinge mit in unseren Konflikt ziehen kann, aber wenn auch gleich die Kalifornier da sind … Danke, Jimmy, du hast mir gut gedient!« – »Sir …«, setzte Jimmy an, kurz bevor eine gewaltige Explosion den Parkplatz in einen riesigen Krater verwandelte und alle 4 Herrschaften zu Staub zerblies. Eine perfekte Demonstration seiner Macht, fand der Präsident, der jetzt den Hörer auf die Gabel legte, um vor dem knisternden Kaminfeuer seinen Sieg auszukosten. Ab spätestens morgen früh waren sie im Krieg und dank der Purityzüchtung würde er diesen für sich entscheiden!

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