055 – Was übrig bleibt

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[…]

Dunkelheit hatte sich über den Himmel gezogen und Amy war immer noch unterwegs. Verfolgt von einer geisterhaften Silhouette ihrer Schwester. Sie tauchte immer wieder hinter Ecken auf und schien Amy einen Schritt voraus zu sein. Und doch wollte sie nicht ihre Existenz erklären. Zelda war schon immer stur gewesen – gut sie beide hatten wohl den Dickschädel ihrer Mutter geerbt. Das hatte eine wirkliche Aussprache zwischen den beiden immer verhindert. Amy verstand immer noch nicht, was dieses ganze Szenario sollte. Keine Menschenseele in Kilometern Umfeld, nur von einem pfeifenden Wind begleitet, der unheilvoll eine Szenerie des Untergangs illustrierte.

Amy hatte diesen Traum satt. Es musste doch ein Erwachen geben oder nicht? War sie jetzt vielleicht in einem Koma gefangen? Dann konnte es Monate oder Jahre brauchen, bis sie wieder an die Oberfläche kommen würde. Gefangen in der trostlosen Unendlichkeit einer aufgegebenen Stadt, die sie nie besucht hatte. »Erinnerst du dich? Du hast mich aufgegeben!« hauchte die blasse Stimme von Zelda in Amys Ohr. »Du hast mir mein Glück nicht gegönnt! Du hast mich alleine gelassen!« – die Schuldgefühle drangen einmal mehr an die Oberfläche und höhlten Amys Widerstand aus. Bis es nur so aus ihr herausplatzte: »Ich dich alleine gelassen? Du hast mich zurückgelassen! Hast deinen Carlos geheiratet und mich alleine gelassen!« Ihr Schrei hallte durch die Nachbarschaft. Nur um von ihrer Schwester wieder umschwirrt zu werden, während eine geisterhafte Stimme konterte: »Du hast mir deine Einsamkeit aufgezwungen, bis ich keine Luft mehr bekommen habe! Bis ich raus musste! Bis ich mein eigenes Leben haben musste!«

Die Worte trafen Amy wie Hammerschläge und ließen sie stehen bleiben und auf die Knie sinken … »Warum tust Du mir das an? Du bist nicht meine Schwester! Ich werde vielleicht nie wieder Gelegenheit haben, mit ihr zu sprechen oder sie überhaupt wiederzusehen! Und du Poltergeist willst mich nicht in Ruhe lassen! Was willst du? Dass ich meine Sünden beichte? Dass ich eine Rabenschwester gewesen bin?« – »Du hast auf mich aufgepasst! Du hast mich vor der Katastrophe gerettet, der Mum und Dad zum Opfer gefallen sind … Du bist meine große Schwester, aber wovor du mich nicht retten konntest, war das Leben an sich!« – Amy schluchzte laut auf und Tränen trübten ihren Blick. »Ich musste für dich da sein! Wir mussten füreinander da sein!« – »Aber anstelle zu leben, hast du dich hinter deiner Rolle als Ersatzmutter versteckt! Hast mir dieses Gefängnis aufgezwungen!«

Amy schlug die Hände über den Kopf und sank wieder zu Boden, um krampfartig ihren Schmerz herauszuweinen. Warum jetzt? Sie musste aufwachen! Die Mission hing von ihr ab! Die Menschheit musste gerettet werden! »Warum willst du eine Menschheit retten, wenn du das schon nicht bei deiner eigenen Schwester schaffst?« – jedes Wort brannte sich tief in Amys Kopf ein. Aber sie wollte die Wahrheit nicht hören, wollte nicht einsehen, dass sie ihren Teil dazu beigetragen hatte, dass sich ihre Schwester von ihr eingeengt gefühlt hatte und fort musste, um eigenes Glück zu finden und zu erfahren. »Bist du jetzt glücklich, du Plagegeist? Ist es nicht genug, dass meine Schwester im Koma liegt und vielleicht bald stirbt? Musst du mich auch noch geißeln?«

Dann stand Zelda vor ihr. In Fleisch und Blut und die beiden Frauen fielen sich in die Arme: »Ich sagte schon, ich bin deinetwegen hier! Damit du loslassen kannst!« Aber warum sollte sie loslassen? Sie wollte leben! Der Alptraum musste ein Ende haben! »Und das wird er«, versprach Zelda, die Amys inneren Monolog gehört haben musste, »Lass los, du hast es dir verdient! Du warst eine gute, große Schwester!« Und dann wurde Amy bewusst, wo sie war und warum. Und die Erkenntnis breitete sich wie eine kühle Brise von Ruhe über Amys Körper aus. Bedenke, dass du sterblich bist, dachte sie in endgültiger Klarheit des Moments.

Memento mori, der Augenblick vor dem unvermeidlichen Vergessen. Zelda war nicht hier, um sie zu bestrafen, Zelda half Amy einen Abschluss zu finden, um in Frieden zu gehen. Wo auch immer Amys physischer Körper auch lag, es musste zu Ende gehen. Genau das war es. Aber wie? Und wo? Und Atemzug um Atemzug breitete sich Kälte über Amy aus wie eine dicke Decke. Ihr Atem wurde sichtbar und kondensierte vor ihr. »Ich bin tot!«, formulierte sie die Antwort auf eine Frage, die sie nicht stellen wollte.

»Noch nicht, meine liebe Amy, noch bleibt uns das kleine Stück Ewigkeit und die Hoffnung auf ein gutes Ende. Und für einen kurzen Moment war das Glas wieder halbvoll und die Welt um sie herum war ein wunderbares Dschungelparadies. Es war ihr nicht mehr vergönnt gewesen, sich von Zelda selbst zu verabschieden, aber in dieser Vision bekam Amy ihre zweite Chance, um abzuschließen. Die Kälte hüllte jetzt den Körper völlig ein, während die Welt um sie erzitterte. Wieder lagen die beiden Schwestern sich in den Armen und ihre Eltern traten zu ihnen. »Ich liebe euch!« brachte sie noch hervor, während in der wirklichen, wahren Welt in schrecklicher Zeitlupe die letzten Tage, Wochen und Monate vor Amys geistigem Auge abliefen. Jetzt war das innere Gefühl von Frieden absolut.

Was Amy nicht wusste, war, dass Angela mit letzter Kraft versucht hatte, Amys physische Hülle zu beschützen, während sie ums eigene Überleben kämpfen musste. Der letzte Gedanke Amy’s galt Zelda und dann hatte die Ranke der Züchtung, die sich ihren Weg durchs Treppenhaus gebahnt hatte, Amy auch schon eingehüllt und zu einem blutigen Brei zerquetscht, während Angela und die anderen des Befreiungskommandos das hilflos mit ansehen mussten. So würde Amy nie wieder aufwachen und ihr Bewusstsein verglomm wie ein zur Glut heruntergebranntes Streichholz.

[…]

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