053 – Eine Entscheidung

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[…]

Angela war bei Frederiksens letzten Worten zur Salzsäule erstarrt. Und zum ersten Mal seit langer Zeit hatte ihr Außenpanzer Risse bekommen. Sie fühlte sich, als wäre die Last der Welt auf ihre Schultern gefallen, herabgesaust, wie die Klinge einer Guillotine. Und was auch immer sie in ihrer Vergangenheit alles getan hatte, wog auf einmal zentnerschwer. Sie musste kurz aufkeuchen und stotterte für einen Moment unverständlich vor sich hin, bevor der Schild wieder hochgezogen war und ihr Pokerface ihre Mimik fest unter Kontrolle hatte.

»Es war Notwehr! Ich hatte keine Wahl!«, kam die Rechtfertigung fast automatisch und ohne dass sie sich noch etwas anderes überlegen konnte. Jetzt wurde ihr vieles klar, was sie an Frederiksen nie verstanden hatte. Diese undurchsichtige Mischung aus Leidenschaft mit einem Funken Leid und Trauer. Die beiden mussten sich im Zuge der Katastrophe aus den Augen verloren haben. Vielleicht hatte er sich sogar damit abgefunden, sie nie wieder zu sehen. Dass sie in den Wirren und dem Chaos ums Leben gekommen war. Wäre er Minuten früher hier gewesen, es hätte ein tränenreiches Wiedersehen geben können. Und jetzt würde er wohl nie erfahren, warum sie sich nie wiedergefunden hatten. Oder vielleicht doch?

Sie hatte für Frederiksen nie wirkliche Sympathie empfunden, durch ihren Auftrag hatte sie einen tiefen Einblick in sein Leben und Leiden bekommen, und seitdem sie ihn unter Drogen gesetzt hatte, empfand sie nur noch Mitleid für ihn. Aber jetzt … sie wäre am liebsten aus ihrer Haut gefahren. So konnte es nicht weitergehen. Sie musste mit Forbes brechen und sie musste einen Weg finden, die Schuld, die sie auf sich geladen hatte wiedergutzumachen. Aber … sie hatte das Leben bisher nur so kennen gelernt. Sie hatte bisher nie Eigeninitiative beweisen müssen. Andere hatten die Entscheidung in ihrem Leben übernommen, und immer, wenn sie außerhalb einer Kontrolle war, hatte sie sich hängen lassen.

Frederiksen würde ihr nie verzeihen, schon gar nicht, wenn ihm die gesamte Tragweite, ihrer Einmischung in die letzten Jahre seines Lebens bewusst werden würde. Was sollte sie tun? Amy? Wenn sie nichts für Frederiksen tun konnte, vielleicht konnte sie etwas für Amy tun? Vielleicht … was dachte sie da? Sie konnte nicht gegen ihre Befehle verstoßen, sie konnte nicht? Aber sie musste! Sie musste das Richtige tun! Und sie Begriff, dass sie in der Vergangenheit die Freiheit immer geschenkt bekommen und sie deshalb nie wertzuschätzen gewusst hatte. Und genau das würde sie jetzt ändern. Und sie würde damit bei den Menschen anfangen, deren Schutz sie übernommen hatte! Frederiksen, auch für ihn musste sie etwas tun können … und Amy und wer vom ursprünglichen Forscherstab noch am Leben war … ab sofort war das ihre Mission. Forbes konnte sich sein Großes und Ganzes sonst wohin stecken!

Sie sah Frederiksen in die Augen und sah nur seinen heiligen Zorn. Den Anfang sollte sie wirklich mit Amy machen. Die Botanikerin war beim Einsatz schwer verletzt worden. Es war jetzt an Angela sie am Leben zu halten und sicher nach Hause zu bringen. Ob Amy noch Familie hatte? So selten, wie die beiden Frauen zusammen gesprochen hatten, war es nie um wirkliche persönliche Dinge gegangen. Was wenn sie starb? Nein! Das durfte nicht passieren. Das würde nicht passieren!

[…]

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