052 – Was immer dort begraben liegt…

chap010

[…]

Amy war schon so lange unterwegs und immer noch schien kein Ziel in Sicht. Ob sie sich verlaufen hatte? Eine Karte wäre hilfreich oder eine Lademöglichkeit für das Navigationsgerät. Gefühlt dauerte es Stunden, die Amy die erste Brücke passiert hatte. Sofern sie sich aber noch recht an die Karte des Geräts erinnerte, musste es noch eine Zweite geben, um nach Newark zu gelangen.

Es war ein heißer Tag und der Schweiß rann ihr aus jeder Pore. Hätte sie hier einen Schutzanzug gebraucht, sie wäre bestimmt gestorben. Wenn das hier noch lange dauerte, würde sie Wasser benötigen. Sie beschloss, im Schatten eines riesigen Bürogebäudes Rast zu machen. Die Gedanken wieder sammeln und etwas zu Atem kommen, bevor der Nachmittag sich dem Ende nähern würde und die Dunkelheit sie zwingen würde, ein Versteck für die Nacht zu finden.

Erneut fragte sie sich, was nur mit den anderen geschehen war. Inständig hoffte sie, nicht die einzige Überlebende zu sein. Und sie musste hier rauskommen und es wieder zurück zu ihrer Schwester schaffen. Um ihr all die wichtigen Dinge zu sagen, die so lange unausgesprochen geblieben waren. Und da war sie wieder. Zeldas Silhouette stand unvermittelt über ihr. War es eine Fata Morgana und Amy einfach nur erschöpft oder gar dem Tode nahe und ihr Verstand weigerte sich, sich das einzugestehen?

»Was willst Du? Was soll das?«, rief sie den Schatten, der allerdings keine Anstalten machte zu antworten. Wütend griff sie nach einer Hand voll am Boden liegender Steine und warf sie auf die Illusion, doch die Geschosse gingen glatt durch und klapperten, als sie auf dem heißen Asphalt der Straße aufkamen und weiter davonsprangen.

»Verdammte Scheiße, sprich mit mir oder verschwinde gefälligst!«, wütete sie und resignierte bereits einen Moment später. Das hier war definitiv ein Traum! Es konnte nichts anderes sein. Und je weiter sie sich ihren Weg durch die verwüstete Metropole bahnte, desto offensichtlicher wurde es.

»Ich bin wegen dir hier!«, brach der Schemen ihrer Schwester in einem unheimlichen, monotonen Timbre die Stille. Sie hatte nie an Traumdeutung geglaubt, noch sich besonders dafür interessiert. Was ihr dieser Traum wohl sagen wollte? Und wie konnte sie wieder aufwachen? Normalerweise sollte es doch ausreichen, zu merken, dass es nur ein Traum war und die Illusion durchschaut war. Dies hier war anscheinend nicht so einer.

»Dann hilf mir aufzuwachen! Wie komme ich hier wieder raus? Wenn Dich mein Unterbewusstsein geschickt hat, kennst du die Antwort!« Und wieder breitete sich unangenehme Stille aus. Es war zum Verrücktwerden! »Du nutzlose Ausgeburt meiner Phantasie, verschwinde endlich, wenn du nur in Rätseln sprechen kannst!« Und wieder nichts. Amy beschloss, die Erscheinung ihrer Schwester zu ignorieren und weiterzulaufen. Vielleicht reichte es einfach, die Grenze des Traums zu erreichen? Vielleicht würde sich der Grund auch noch offenbaren. Für den Moment spielte ihr Verstand noch Verstecken mit ihr und wo auch immer diese Illusion von New York hergekommen war, musste es einen Grund und ein Ende geben.

Sie wischte sich das braune Haar aus dem Gesicht und begann stoisch weiterzumarschieren: »Du wirst mir schon sagen, wenn die Zeit reif ist!«

[…]

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