050 – Redux

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[…]

Schmerz, Verzweiflung, Hass und unaussprechliche Wut paarten sich mit Zorn in einem unkontrollierbaren Wahn. Er hatte sich auf sie gestürzt, hatte mit aller Kraft, die ihm sein verbliebener Arm ermöglichte, auf sie eingedroschen und sie war viel zu perplex, um sich zu wehren.

Wie war es nur so weit gekommen? Frederiksen, der eingeschüchterte Nerd, in dieser zur Grausamkeit verbannten Welt, was war nur mit ihnen geschehen? Was hatte die Welt nur mit ihm und allen anderen gemacht?

Als sie das massive Schott des Bunkers aufgeschoben hatte, hätte er niemals damit gerechnet, dass ausgerechnet Angela ihnen entgegen kommen würde. Und doch stand die Söldnerin vor ihnen und blickte Frederiksen verwirrt an. Sie schien durch die Hölle gegangen sein. Aber wie war sie von Washington hierher gekommen? Und was war mit den anderen geschehen? Doch erstmal stolperte sie und schlug unsanft auf den Boden, bevor Frederiksen sie auffangen konnte.

Während Davis sich um die Bewusstlose kümmerte, schwärmten die anderen aus, um den Eingangsbereich zu sichern, doch die Basis schien verlassen. Erst später fanden sie den entstellten Körper von Amy Anderson, deren Vitalzeichen zu einem schwachen Funken heruntergeglimmt waren. Der Anblick hatte schwer auf Frederiksen gelastet, doch als die Männer ihm von der toten Wissenschaftlerin erzählt hatten, war Frederiksens wahrer Alptraum erst in Fahrt gekommen. Die Falten und die grauen Strähnen im Haar waren neu, aber die Züge trotz Alters so vertraut.

Das Genick war gebrochen worden, aber wer …? Er sank auf die Knie, drückte den leblosen Körper an sich und ein stechender Schmerz zerriss sein Herz. Dass die Umstehenden ihn völlig verwirrt anstarrten, nahm er schon nicht mehr wahr. Das Wechselbad der Gefühle nahm seinen Lauf und blendete die Realität einen Moment aus.

Das Nächste, an das er sich erinnerte, bevor in die anderen mit Gewalt zurückzogen, war, dass er die gerade wieder auf die Füße gekommene Angela Porter umriss und unkontrolliert die Faust auf sie niedersausen ließ. Was auch immer in den letzten Jahren geschehen war, nichts hatte ihn je so aus der Bahn geworfen. Das war der Moment, vor dem er sich immer gefürchtet hatte. Die ewige von Hoffnung begleitete Ungewissheit war fort. Und der Gewehrkolben seines Beschützers schickte ihn auf eine weite Reise.

Aber dort waren Frieden und Glück. Dort hatte er sie einmal mehr wieder gefunden. Auf dem Feld, wo er sie die letzten Tage so oft getroffen hatte. Doch diesmal hatte sich ihr Gesicht verändert. War sie die letzten Male so jung und schön gewesen, so war sie jetzt gereift und in Frederiksens Alter erschienen.

»Wo warst du?«, hatte er sie gefragt, »Wo warst du all diese Jahre? Warum hast du mich nie gesucht? Warum habe ich dich nie gesucht?« Doch sie hatte nur wissend gelächelt. Hatte ihn angefunkelt, als wäre all das egal und würde keine Rolle spielen. Als wären sie genau da, wo sie vor 17 Jahren aufgehört hatten. Und der Schmerz war nicht mehr und er war in seinem Shangrilla geschwängerten Glückstaumel.

Die nächste Station war das Krankenzimmer gewesen, das er nun auch schon in- und auswendig kannte. Doch diesmal stand er in Straßenkleidung vor dem Spiegel und Maya funkelte ihn an. »Bist du so weit? Das Taxi sollte schon auf uns warten!« doch ihre Stimme klang sanft, nicht drängelnd. Ja sie hatten sich wieder versöhnt und nach einigen Tagen im Krankenhaus waren die Ärzte auch sicher gewesen, dass er keine Gehirnerschütterung davontragen würde und auch sonst wieder alles in Ordnung war. Und so sehr er sich an Schwester Betty und Schwester Rose gewöhnt hatte, so sehr freute er sich auf die gemeinsame Wohnung und endlich wieder vollkommen allein mit Maya sein zu können. Und er hatte eine Entscheidung getroffen. Er würde Washington nicht verlassen! Er würde hier bei Maya bleiben. Es würde keinen Tag X geben und sie würden glücklich bis ans Ende ihrer Tage sein. Und dann hatte sich das Gefühl des Glücks verwandelt und er wusste wieder, dass dies nur ein Traum war und dass er wieder aufwachen musste. Nur noch eine Minute hielt er sich selber zurück, wollte es nur noch eine Minute genießen, bevor es wieder verschwand. Und aus Minuten wurden Stunden, wurden Tage, wurden Wochen, wurden …

Der Kopf tat ihm schrecklich weh, als er wieder zu sich kam. Er saß auf dem Boden mit dem Rücken an eine Konsole gelehnt und versuchte gegen den Schmerz sich umzublicken. Angela saß ihm gegenüber mit einem zugeschwollenen Auge und mehreren Blutergüssen im Gesicht. »Ganz schöner Schlag für einen Krüppel. Was sollte der Scheiß, Mann!« – Frederiksens Gesicht lief rot an, als die Erinnerung zurückkehrte. »Ich … Diese Frau im Bunker, Sie haben Ihr das Genick gebrochen?« Angela fasste sich wieder etwas und blickte starr geradeaus. »Sie hat Amy und mich gefangen genommen und Experimente an uns durchgeführt. Ich musste etwas tun! Diese Psychoschlampe wollte uns …« – ein letzter Funke Wut entlud sich und Frederiksen fiel ihr ins Wort: »Diese Psychoschlampe war meine Frau!«

[…]

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