049 – Westfront

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Kapitel 10: Überraschung aus dem Untergrund

Wind blies über die Kuppel und ließ die 17 Jahre alten Konstruktionen ordentlich knarzen. Wachstumsschmerzen hatte einer der Konstrukteure damals gewitzelt. Vielmehr lag es wohl an der leichten und günstigen Bauweise, die zur Anwendung kam, weil man ein Wettrennen gegen die Zeit führen musste. Überspannt waren sie mit einer Art Tarnnetz, das sie für Satelliten oder überfliegende Flugzeuge unsichtbar machte. Man wollte sichergehen für den Fall, dass hinter der Katastrophe kein anderes Land oder eine terroristische Vereinigung stand. San Francisco war auch die erste und vielleicht einzige Metropole gewesen, die diesen Pollenschutzwall noch rechtzeitig fertig stellen konnte. Heute lebten unter seinem Schutz sicher ein paar hunderttausend Menschen, die es noch rechtzeitig in Sicherheit geschafft hatten, seit dem war allerdings Funkstille gewesen.

Lloyd hatte das Glück gehabt, mit seinem Sohn noch rechtzeitig in den Schutz geflohen zu sein. Claire, seine Frau, leider weniger. Trotzdem wollte er sich nicht beschweren. Das Leben war zwar deutlich einfacher geworden – einst war er Aktienhändler gewesen und hatte zum Ordnungsdienst umschulen müssen – doch sie hatten so ihr Auskommen, ein Dach über dem Kopf und sie hatten sich. Das war schließlich mehr, als man zu dieser Zeit erwarten konnte.

Heute hatte er Kuppeldienst. Davor hatte er immer Angst, denn er war nicht ganz schwindelfrei. Aufseher Henderson hatte ihm zwar mehrfach demonstriert, wie sicher die Haltevorrichtung war, aber er wollte dem Frieden nicht so recht trauen und die Wachstumsschmerzen der Kuppel sorgten für ein ordentlich flaues Gefühl im Magen. Und so hing er in 100 Metern Höhe über der Stadt und putzte die Scheiben. Wobei er den Dreck der Jahre, die diese Kuppel schon getrotzt hatte, immer fester auf dem Glas festsetzte. Und dann hieß es aufpassen, denn ein Leck in der Kuppel konnte leicht den Tod aller hier lebenden Menschen bedeuten. So war sein Job zwar eine übliche Arbeit der Unterschicht, aber trotzdem wichtig für den Fortbestand der Stadt.

In nur zwei Stunden hatte er seinen Beitrag für heute geleistet und wurde in den wohlverdienten Feierabend entlassen, davor musste aber noch die Haupthalle fertig gereinigt werden. Früher, als sie noch doppelt so viele Einwohner gewesen waren, waren es noch zwei Putzmänner gewesen, die zur Reinigung und Wartung die Kuppel betraten, jetzt musste er sich alleine um seinen Quadranten kümmern. Aber was tat man nicht alles für das Wohl von allen und um seinem Kind eine bessere Zukunft zu ermöglichen.

Heute war ein schöner Tag. Nach einem Schauer am Morgen herrschten wieder sommerliche 30 Grad und er würde später dem Lake Merced einen Besuch abstatten – darauf hatte auch Pete sich schon gefreut. Doch dann sah er etwas, das nicht sein konnte. Ein Riss! In dem Scheibenabschnitt vor ihm hatte sich ein Riss gebildet, der sich einmal quer durch das Glas zog. Ein Griff an seinen Gürtel brachte sein Walkie-Talkie zum Vorschein. Nach kurzer Meldung begann er sorgfältig den Ratscher im Glas mit mehreren Spezialpflastern notdürftig zu flicken, allerdings musste sich das ein Fachmann ansehen – dringend. Vorsichtig rutschte Lloyd ein Stück zurück, um den ganzen Abschnitt in Augenschein zu nehmen und er schluckte. Soweit das Auge reichte, hatten sich feine Risse im Glas gebildet. Er kam nicht mal mehr dazu, sein Walkie-Talkie noch ein weiteres Mal zu zücken, dann barst die ganze Konstruktion in einem riesigen Scherbenregen und Alarmsirenen schrillten los. Doch es war bereits zu spät für Lloyd. Mit einem metallenen Krachen riss seine Sicherheitsleine und unter den Erschütterungen stürzte Lloyd samt der kompletten Vorrichtung in die Tiefe.

Im weiteren Sichtfeld sah man von ferne eine riesige Baumknolle, die sich von oben durch die Kuppel stieß. Das Letzte, was Lloyd wahrnahm, war ein angsteinflößender, gellender Schrei, der von diesem Ding zu kommen schien. Sein letzter Gedanken galt seinem Sohn und dass er hoffentlich gut auf sich aufpasste. Dann schlug der Körper hart auf dem Boden auf und beendete Lloyds Existenz. Doch das war nur der Anfang vom Ende gewesen, und während immer mehr Purity Züchtungen durch die Kuppel stießen, begannen die Menschen auf den Straßen panisch nach Schutz zu suchen, den es nicht geben konnte. Dann brach das große Chaos los und kein Stein blieb mehr auf dem anderen.

[…]

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