047 – Schlachtfeld

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[…]

Sie waren sehr tief und sehr schnell über die Straßenschluchten von Newark eingeflogen, am Martin-Luther-Jr. Boulevard gelandet und nach dem Absetzen gleich wieder gestartet. Schon von hier aus sah man ein hohes Maß an Zerstörung und viele der Gebäude des Campus des New Jersey Institutes of Technology waren verwüstet. Auch hier hatten sich große Knollen der Beta-Variante von Projekt ReGenesis aus dem Boden gegraben und waren wohl für einen großen Teil der Zerstörung verantwortlich, aber als sie um die Ecke bogen, wurde Frederiksen schlecht.

Anscheinend hatte ein Trupp von mindestens 100 Soldaten versucht, eines der Gebäude zu stürmen, als die Flora aggressiv geworden war und die komplette Einheit ausgelöscht hatte. Man konnte von einem absoluten Massaker sprechen. Überall Blut, Körperteile, Gedärme und ein Haufen schleimiger Überreste, von denen er gar nicht wissen wollte, was es davor gewesen sein mochte. Die drei Marines, die mit ihm ausgestiegen waren, schwärmten aus, um den Bereich zu sichern. Aber abgesehen von diesem grausamen Anblick schien alles wieder ruhig zu sein, als wäre dieser verlassene Häuserblock seit Jahren in friedlichem Vergessen gelegen.

Noch mochte das alles nicht so ganz ins Bild passen. Die Züchtungen schienen durch einen Katalysator explosionsartig zu wachsen, um Augenblicke später wieder in völliger Lethargie zu versinken. In den falschen Händen hatte sich diese Technologie gegen ihre Meister und den Rest der Welt gestellt und jetzt waren sie hier. Aber irgendetwas hatte sich verändert und einen erneuten Schub im Wachstum ausgelöst – eine Entwicklung, die Frederiksen auf den Satellitenfotos ungläubig beobachtet hatte. Von den Leichen her zu schließen – und er war kein ausgebildeter Pathologe – wirkten die Kadaver noch frisch, als hätten sie das Spektakel nur knapp verpasst und wären nur wenige Augenblicke zu spät zu der Party gekommen.

Umso mehr ein Grund sich zu beeilen, dachte der Wissenschaftler und wies seinen Begleitschutz an, ihm eine Schneise durch das Schlachtfeld zu suchen. Dann zog er einen kleinen, eckigen Apparat aus der Tasche und schaltete ihn ein. Der Scanner versuchte das Signal erneut aufzuschnappen, um ihnen den Weg zu weisen, aber das Gerät wies gerade nur statischen Schnee aus und weißes Rauschen drang aus einem kleinen Lautsprecher des Gehäuses. Doch dann war das Signal wieder da und der Scanner entließ einen flatternden Fiepton, der von Richtung 9 Uhr zu kommen schien. Vorsichtig rückte die kleine Gruppe voran und Frederiksens Magen entwickelte das flaue Gefühl einer nahenden Gefahr. Es lag etwas in der Luft, als würde jeden Augenblick der Wahnsinn von Neuem beginnen und dann sollten sie überall nur nicht hier sein.

Sie bogen um eine weitere Ecke und blieben vor einem Gebäude stehen, dass der Ursprung des Signals sein musste. Ein altes, rotes, halb eingestürztes Backsteingebäude in der Newstreet, das wohl schon vor dem Tag X verlassen worden war. Durch eine blaue Stahltür, deren Sicherheitssiegel aufgebrochen worden war, ging es geradewegs auf einen Innenhof, gefolgt von einem Treppenabgang. Auch hier lagen weitere Leichen, die wohl versucht hatten aus dem Kellergeschoss zu fliehen. Sie hatten es beinahe geschafft und doch lagen hier nur ihre Überreste. Jetzt sah Frederiksen auch den Ursprung des Signals, eine halb zugewachsene Satellitenschüssel mit einem kleinen roten Blinklicht stand umzäunt direkt im Hof. Vorsichtig arbeitete sich der Trupp über die Treppe in das Untergeschoss vor, um vor einer massiven, gelben Stahltür stehen zu bleiben. Die Tür sah ganz schön bearbeitet aus, als hätte jemand mit Sprengstoff versucht, ein Loch hinein zu sprengen. Was immer dort unten war, hatte seine Geheimnisse nicht preisgegeben. Ob dort das Labor war, wo man die Forschungsergebnisse von Washington DC hingebracht hatte? Er besah sich ein kleines Keypad neben dem Tor etwas näher. Der Leser benötigte eine Karte und eine Codeeingabe, um sich zu öffnen. Frederiksen fluchte innerlich einmal mehr. Eine Sackgasse – hier ging es nicht weiter. Wenn ihre Vorgänger schon mit Sprengstoff keine Beule hatten hinein machen können, standen ihre Chancen zu dritt wohl nicht besonders gut. Und dennoch wollte er nicht aufgeben.

Captain Davis, der die Begleiteskorte anführte, öffnete routiniert eine Wartungsklappe unter dem Keypad und begann mit einem Multifunktionswerkzeug darin herumzuschrauben. Und doch bewegte sich das gute Stück keinen Millimeter. Was sollten sie nur tun? Gab es vielleicht noch einen zweiten Eingang irgendwo anders im Gebäude? Sie untersuchten die massive Tür weiter, kamen aber nicht vom Fleck. Sie waren hoch konzentriert bei der Arbeit, als plötzlich ein Alarm los schrillte. Die Männer schauten sich gegenseitig in die Augen und flüsterten: »Hast Du etwas gemacht?« – »Nichts, was Du nicht vor einer Minute selbst gemacht hast!« Der Corporal gab per Handzeichen Anweisungen zum sich Verstecken und die Vierergruppe beobachtete, wie der Alarm langsam leiser wurde und sich das Schott mit großem Rumoren aufschob, als sei es seit Jahrhunderten nicht geölt worden. Dampf stieg auf, als wäre im Inneren die große Hitze ausgebrochen und eine Figur zeichnete sich dahinter ab, die langsam noch vorne trat. Für einen Moment traute Frederiksen seinen Augen nicht, als ausgerechnet eine ihm nur zu bekannte Gestalt aus dem Nebel trat und Frederiksen verwirrt entgegensah. Sie würde ihm einen Haufen Fragen beantworten müssen.

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