046 – Fluchtbewegung

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[…]

Nach der Kopfreise war der Schmerz gekommen. Jedes Nervenende schien in ihrem Körper zu schreien und Angela musste mit sich kämpfen, um an sich zu halten. Krämpfe durchzogen ihre Muskeln und saugte ihr das letzte bisschen Widerstandskraft aus. Was immer sie unternehmen wollte, sie musste es bald tun, bevor der Akku endgültig leer war und sie hier nie wieder rauskommen würde. Und diese Torturen zogen sich schon seit gefühlten Stunden hin.

Dr. Fernandez stand am Rande von Angelas Sichtfeld und bereitete wohl den nächsten Versuchsaufbau vor. In jedem Fall nichts, was Angela über sich ergehen lassen wollte. Doch die Gurte gaben weiterhin keinen Millimeter nach. »Na wie fühlen wir uns?«, fragte die Ärztin mit überzogener Fürsorge in der Stimme, als sie sich umdrehte und zu Angela herüberkam, die immer noch auf dem Rücken festgeschnallt war. »Ist ist Ihnen doch sowieso scheißegal, was ich sage, oder? Sie machen immer weiter und weiter …« – ihre Stimme klang abgekämpft und kraftloser, als sie es gedacht hätte.

»Sie leisten einen wichtigen Beitrag! Sie sollten mir dankbar sein!«, sagte Doktor Fernandez, während sie den Tisch umrundete, um ihr eine weitere Spritze in den linken Oberarm zu verabreichen. Doch diesmal hatte sie wohl Probleme, die richtige Ader zu finden, denn sie griff den Arm fest am Handgelenk, während sie kurz mit der anderen Hand den Gurt etwas lösen wollte. Wahrscheinlich gedachte sie so, an eine für die Injektion besser geeignete Stelle zu kommen. Das war ein Fehler, doch es ging alles so schnell, dass Frau Doktor keine Zeit mehr haben würde, ihn zu bedauern.

Angela war in vielen Nahkampftechniken ausgebildet worden und konnte auch ohne eine Waffe tödlich sein. Sie hatte ihren Arm bis aufs äußerste angespannt, nur um für einen Moment nachzugeben. Dr. Fernandez war für einen kurzen Moment unachtsam gewesen und geriet aus dem Gleichgewicht. Im selben Moment ließ sie den Arm los, um sich abzustützen und Angela griff nach dem Hals, nur um einen Wimpernschlag später das Genick ihrer Peinigerin wie einen Zahnstocher zu knacken. Der leblose Körper schlug auf dem Tisch auf, um weiter auf den Boden zu sinken. Mit dem freien Arm befreite sie sich mühsam von den anderen Fesseln und kam unter Ächzen auf die Beine. Für einen Moment taumelte sich kurz, fing sich aber rechtzeitig wieder, indem sie sich mit der rechten Hand abstützte.

Sie hatte mit Sicherheit nicht viel Zeit, die Doktorin war sicher nicht alleine in diesem Komplex. Routiniert untersuchte sie die leblose Figur und griff sich die Keycard vom Namensschild und ein Smartphone, das vielleicht wichtige Hinweise enthalten mochte. Noch etwas wackelig auf den Beinen taumelte sie in Richtung eines vermeintlichen Ausgangs und besah sich die Keycard etwas genauer. Da stand in der Tat Dr. Maya Fernandez, Projekt Purity, und ein schwarzer Magnetstreifen half ihr, die Richtung, in der die Karte durch den Leseapparat gezogen werden musste, festzustellen. Das Schott öffnete sich und statt in einem Gang stand sie in einem weiteren Labor, in dessen Mitte noch ein Patient festgeschnallt war und an mehreren Infusionen hing.

Und das war nicht irgendwer. Auf der Pritsche lag Amy Anderson und trotz Angelas Versuchs, sie beim Angriff dieses Dings in Sicherheit zu bringen, sah sie schwer gezeichnet aus. Angela hatte schon viel gesehen, aber nicht das. Das Schreckliche waren nicht ihre Verletzungen, sondern der durchsichtige Kasten, in dem die Hälfte ihres Kopfes steckte und sie sehen musste, dass ihrer Schutzbefohlenen das halbe Gesicht fehlte. War sie immer noch in einem bösen Traum gefangen? Wenn ja, musste dies ihr schlimmster Alptraum sein. Das Ding, was einmal Amy Anderson gewesen war, lebte aber noch. Zumindest hob und sengte sich der Brustkorb. Aber alles andere … Angela ließ sich rückwärts fallen. Ihr Akku war eben leer gelaufen und sie fiel in ein traumloses Nichts.

[…]

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