045 – Die Welt auf dem Kopf

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[…]

»Zelda?!«, murmelte Amy perplex und starrte auf ihre Schwester, die plötzlich und unvermittelt dastand und sie freundlich anlächelte. Die Starre hielt für bleierne Momente an, bevor ihr ein ungläubiges »Du kannst unmöglich hier sein! Du liegst schwerverletzt im Krankenhaus!« über die Lippen kam. Sie konnte unmöglich so lange außer Gefecht gewesen sein und Zelda sah völlig unverletzt aus, aber genauso, wie sie sie zuletzt hatte daliegen sehen. Der bunte Rock mit dem alternativen Top – wie ein lebender Stilbruch. Und doch stand sie da. Im nächsten Moment verabschiedete sich Amy von ihrem gesunden Menschenverstand und riss sie an sich, um sie zu umarmen und nie wieder loszulassen. Ein Gefühl der Freude und inneren Wärme durchströmte sie. Aber warum sagte Zelda kein Wort? Jetzt ließ Amy sie doch los und sah sie sich von oben bis unten an.

Ja, das war Zelda. Sie konnte sie berühren, konnte sie anfassen, also war sie kein Geist. Ein Traum? Aber das alles hier fühlte sich so real an? War das die Wirkung dieser Droge, von der sich Frederiksen abhängig gemacht hatte? Dieses Shangrilla-Zeug, das den Süchtigen in eine perfekte Version der Realität schickte. Aber warum sollte sie dann ausgerechnet in New York City sein und die Nummer mit dem Unfall passte überhaupt nicht ins Bild? Oder waren das Fieberfantasien? Warum, weshalb, wieso? Sie ließ sich wieder fallen und umarmte ihre Schwester weiter, die keinerlei Anstalten machte, irgendetwas zu tun oder wie auch immer zu reagieren.

Das musste ein Traum sein oder zumindest eine Illusion … sie setzte an, noch etwas zu sagen und so blitzartig, wie Zelda vor ihr aufgetaucht war, war sie wieder verschwunden. Amy fiel auf die Knie und schlug die Arme über dem Kopf zusammen, um seitlich auf den Boden zu gleiten und in Embryohaltung ihre Beine zu umklammern. Sie schluchzte und auch wenn sie sich vorgenommen hatte, immer die Starke zu sein, hatte sich einfach so viel angestaut, das sich in diesem Moment entleerte und sie in einen haltlosen Weinkrampf stürzte.

Wie lange sie am Ende so gelegen hatte, wusste sie nicht. Das war alles einfach zu viel. Sie wollte tough sein, zeigen, dass sie sich um sich und die ihren kümmern konnte. Aber irgendwo hatte sie ihre persönliche Grenze erreicht.

Die Schuldgefühle kamen wieder an die Oberfläche und sie erinnerte sich auf einmal wieder ganz genau an das Gespräch zwischen Zelda und Ihr. Sie hatte Amy vorgeworfen, ihr Leben kontrollieren zu wollen und ihr keine Luft zum Atmen zu geben. Und als Zelda sich verliebt hatte, war für diesen schwesterlichen Bund kein Platz mehr gewesen. Sicher hatte Amy sich für ihre Schwester gefreut, aber genauso hatte es sie im Innersten verletzt, ihren Platz an Zeldas Seite verloren zu haben. Natürlich war das alles Unfug. Der Bund bestand weiterhin, wenn auch auf einer anderen Ebene. Sich aber diese Verlustangst einzugestehen, brachte Amy nicht über sich und so trennten sich ihre Wege. Zelda heiratete ihren Carlos und Amy blieb alleine zurück und igelte sich ein. Und van Veidt gab ihr die Ablenkung, die sie brauchte, um sich nicht mehr mit ihrem porösen Privatleben auseinandersetzen zu müssen.

Sie schüttelte diesen Ballast von sich und konnte wieder klar sehen. Sie hatte noch immer ein ordentliches Stück Fußmarsch vor sich und hoffte inständig, dort bald ein paar Antworten zu finden. Und hoffentlich blieben ihr diese Fata Morganas erspart. Lieber keine weitere Zeit verlieren, die Sonne war schon ein ganzes Stück weitergezogen. Sie musste hier raus und ihr Ziel schien die beste Option dafür zu sein.

[…]

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