043 – Warten auf die Chance

chap009

[…]

Emanuel mochte schon seit Stunden an den Klappstuhl gefesselt dagesessen haben. Anscheinend hatte man gerade etwas Wichtigeres zu tun, als sich mit ihm zu befassen. Was für ein absoluter Reinfall. Eigentlich hätte alles ganz einfach laufen sollen. Aber er hatte die Schlagkraft der hier stationierten Truppen völlig falsch eingeschätzt. Und jetzt war er der letzte Überlebende und gefangen. Sie hatten versucht ihn zu verhören, hatten aber nicht mehr als den Standard geboten bekommen. So einfach konnte man einen Thomas Emanuell nicht knacken. Komisches Gefühl mal auf der anderen Seite zu sitzen.

Sie hatten es mit leichter Gewalt und vielen Drohungen versucht, aber was Verhöre anging, arbeiteten hier nur Dilettanten. Wenigstens etwas, dachte er, während er austestete, wie stabil der Stuhl unter ihm wohl war. Klappstuhl hin oder her, das Ding war massiver, als man annehmen mochte. Hier rauszukommen würde nicht so einfach werden. Betonwände ohne offensichtliche Schwachstellen – nicht mal ein Lichtschalter im Raum selbst, bzw. erkenntlich, wo die Leitungen verlegt waren. Erhellt wurde der Raum durch in die Decke eingelassene Leuchtstoffröhren, die hinter Schutzglas außerhalb seiner Reichweite hingen. Ansonsten nur der Stuhl in der Mitte, und den hatte man fest am Boden verankert. Gefesselt wurde er von Edelstahlhandschellen, die eng genug gezogen waren, um ihm kein Spiel zu lassen.

Aber Aufgeben war definitiv keine Option für ihn, vielmehr stachelte das seinen Verstand zu Höchstleistungen an und es musste eine Lücke geben – die gab es immer. Na gut, er musste zugeben, als Gefängniswärter waren die hiesigen Söldner wirklich gut. In San Diego sorgten vor allem private Sicherheitsfirmen für Ordnung, seit dem die Militärs nach dem Fall der Stadt vor ein paar Jahren zurückgetrieben worden waren. Das letzte Mal, dass er hier gewesen war, war vor dem Tag X. Als die Welt noch in Ordnung gewesen war und San Diego eine der schönsten Städte an der Westküste. Aber alles war vergänglich dieser Tage und niemand trauerte mehr der Vergangenheit nach – nicht 17 Jahre danach. Die nächste Generation Post-X bereitete sich jetzt vor, in wenigen Jahren das Zepter zu übernehmen und die Vergangenheit endgültig in Unwissenheit zu begraben. Er selbst erinnerte sich immer bruchstückhafter an die Zeit davor, als er selbst noch ein Teenager gewesen war und noch nicht wusste, was er später einmal mit seinem Leben anfangen sollte. Diese Entscheidung war ihm abgenommen worden, als … aber die verbliebenen Erinnerungen waren zu schmerzhaft, um sich daran zu klammern.

Er zögerte kurz. Hatte er eben etwas gehört? Bekam er Besuch? Nein, doch nichts … seine Nerven waren bis zum Schmerzpunkt angespannt. Noch hatte sich die Chance auf Flucht nicht manifestiert. Es sah so aus, als müsste er doch versuchen, eine Wache zu rufen, um diese zu überwältigen. Doch mit welcher Ausrede sollte er es versuchen, sodass der Braten nicht zu früh gerochen werden konnte? Er musste etwas tun und das sehr bald. Also begann er vor künstlichem Schmerz aufzuschreien und zu stöhnen, als wäre sein Blinddarm durchgebrochen. Doch niemand reagierte. Nach 15 Minuten des Martyriums beschloss er, lieber noch etwas auszuharren. Aber seine Chance würde kommen – früher oder später – er hoffte auf früher!

[…]

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *