040 – Biting the big apple

chap009

Kapitel 9: Was immer wir zurücklassen

Wie lange sie wohl schon unterwegs war, sie wusste es nicht. Doch sie fühlte sich frisch und lebendig, wie sie es schon so lange nicht mehr gewesen war. Hatte man etwas mit ihr gemacht? Ein Serum gespritzt oder sie immunisiert? Vielleicht hatte sie eine Überdosis Adrenalin verabreicht bekommen und konnte deshalb die Luft hier atmen? Oder die Sporen waren hier nicht mehr aktiv?

Ihr Navigationsgerät hatte leider relativ schnell den Geist aufgegeben, aber Amy hatte weder die Zeit noch den Kopf gehabt darauf zu warten, dass der verdammte Akku wieder voll aufgeladen war. Sie hatte sich jedoch den Weg grob eingeprägt.

Sie war in ihrem Leben noch nie in New York gewesen und fühlte sich beim Wandern durch die Verwüstung so klein und unwichtig. Sie war so weit Weg von Zuhause, von allem, was sie kannte, von ihrer Schwester. Erinnerungen an glücklichere Zeiten mit Zelda, als die beiden sich gemeinsam durchs Leben schlugen und sie langsam erwachsen geworden war, spielten vor ihrem geistigen Auge ab. Die Aushilfsjobs in dieser Hinterhofkneipe Barney’s, wo sie erst in der Küche, später am Tresen ausgeholfen hatte und Zelda sie immer zu Dienstschluss abholte und beide durch die regennassen Straßen spazierten. Warum hatte es diesen Bruch zwischen beiden gegeben?

Der Unfall hatte ihr schmerzlich bewusst gemacht, dass sie sich wieder zusammenraufen mussten. Zuerst hieß es, das Wunder zu vollbringen und wieder nach Hause zu kommen und dann würde Zelda wie Dornröschen aus ihrem Schlaf erwachen und beide über die letzten Tage, Wochen, Monate, ja Jahre Witze reißen. Sie würden alle Sorgen weglachen, wie sie es vor all den Jahren schon einmal getan hatten. Als sie fliehen mussten, weil die Kneipe übernommen wurde und man Barneys Kopf mit einer abgesägten Schrottflinte vom Körper getrennt hatte. Aber statt sich von der Angst und dem Terror klein machen zu lassen, hatten sie angefangen sich schlechte Witze zu erzählen und irgendwann hatten sie alles um sich herum vergessen.

Die Sonne stand jetzt direkt über ihr – es mochte also wohl mittags sein, oder doch nicht? Sie hatte gesehen, dass der Wagen nach Newark unterwegs gewesen war. Ob dort noch jemand anderes von ihrem Team überlebt hatte? Vielleicht hatte ja zumindest Angela überlebt oder jemand aus ihrem Team? Und man hielt sie dort gefangen? Sie hatte noch überhaupt keine Ahnung wie, aber sie musste die anderen befreien, was auch immer sie das kosten würde. Sie hatte lange dafür gekämpft kein Opfer mehr zu sein und sich zu beweisen, dass sie nicht nur auf ihre kleine Schwester achten konnte, sondern sich auch ihr eigenes Leben aufbauen konnte. Und dann war sie von van Veidt aufgenommen worden und ihr wurde das Königreich offenbart. Na gut, bis sie die Assistentin für diesen Frederiksen spielen musste. Ob der sich inzwischen wieder im Griff hatte? Eigentlich sollte er jetzt hier sein und sie bei ihrer Schwester! So hätten die Prioritäten sein müssen. Aber dem Mann, der sie aufgenommen und ihr ein Studium verschafft hatte, etwas abschlagen? Das konnte sie einfach nicht. Und Zelda war ja ohne Bewusstsein gewesen.

Sie hatte inzwischen den Lincoln Tunnel durchquert – eine wirklich beängstigende Erfahrung und eigentlich hatte sie aus jedem Schatten einen Meuchelmörder auf sie lauern sehen, aber sie hatte ihren Mut gepackt und war, ohne sich umzudrehen und lange zu verweilen, dort durchgewandert. Jetzt begriff sie langsam, dass die 45 Minuten keine Fuß-, sondern nur die Autofahrdistanz angegeben hatte und dass der Weg wohl noch ein ganzes Stück weiter führte. Ob sie irgendwo vielleicht doch noch ein Fahrzeug finden konnte, um den Weg abzukürzen? Vielleicht zumindest ein Fahrrad? Als sie sich nach einem passenden Drahtesel umsehen wollte, fiel ihr aus den Augenwinkeln unvermittelt eine kleine Gestalt auf. Sie war doch nicht allein!

Wieder packte sie ihren ganzen Mut zusammen – es hätte ja auch ein Trupp Plünderer sein können – und rannte dorthin, wo sie soeben jemanden hatte hinter einer Ecke hervor spähen sehen. Nichts, verdammt! Doch als sie sich umdrehte, stand sie plötzlich direkt vor …

[…]

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