035 – Wanderschaft

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Amy wanderte zwischen den überwucherten Betonbauten umher und versuchte ihre eigenen Spuren zurückzuverfolgen. Sie hatte immer noch keine Ahnung, in welcher Stadt sie sich hier befand. Frederiksen wäre da bestimmt ein tolles Filmzitat eingefallen, amüsierte sie sich kurz, als die Spannung etwas nachließ. Es schien sie wirklich niemand zu verfolgen. Keine Sonne am Himmel zu sehen und keine Ahnung, in welche Richtung sie gerade unterwegs war. Das Ausmaß der Zerstörung in den Straßen erschreckte sie. Das hier musste eine große Metropole gewesen sein. Als sie auf einen großen Platz kam, der von völlig zerfallenen Reklamebildschirmen und Anzeigetafeln gesäumt war, die sich bis in den Himmel zu erstrecken schienen, hielt sie für einen Moment ehrfürchtig inne. Bei diesem Anblick konnte einem schon ganz schön schwindelig werden – wie es hier wohl vor dem großen Knall ausgesehen haben mochte?

Sie war selbst ja noch ein junges Mädchen gewesen und war kaum gereist. Die meisten Orte kannte sie nur dem Namen nach oder aus etwaigen Archivbildern. Und irgendwie kam ihr dieser Platz auch bekannt vor, sie kam nur absolut nicht auf den Namen oder den Namen der Stadt. Die Straßenschilder selbst waren leider zu verwittert oder überwuchert. Ein ovaler Leerraum mitten in einer Millionenstadt und an der Spitze jeweils ein besonders großes Gebäude.

Dann meldete ihr Magen sich. Aber klar, wie lange war sie hier schon unterwegs? Wann hatte sie die letzte Malzeit gehabt? Vor dem Einsatz? Aber wo sollte sie hier etwas finden? Jetzt erst fiel ihr ein auf der Seite liegender Transporter auf, der irgendwie so gar nicht in das sonst von Pflanzen dick überwucherte Straßenbild passen wollte. Ein dunkler Lieferwagen mit zerbrochenen Scheiben, der hier bestimmt noch nicht lange lag. Erinnerungsfetzen an einen Crash stiegen aus den Tiefen ihres Unterbewusstseins an die Oberfläche und dann machte es klick. Mit schnellen Schritten lief sie zum Wagen hinüber, um ihn näher in Augenschein zu nehmen.

Ein Mann im Schutzanzug lag 2 Meter vor dem Wrack. Er hatte bei dem Unfall wohl einen Flug durch die Frontscheibe gemacht. Ansonsten war niemand mehr in der Fahrerkabine. Sie durchsuchte den Innenraum und fand ein Klemmbrett mit einigen unleserlichen, handschriftlichen Notizen und mehrere verblichene Papiere, aber weder einen Ausweis noch sonst etwas. Jetzt nahm sie sich den Laderaum vor und fand dort eine weitere Leiche. Der in einen weißen Kittel und eine Atemmaske gekleidete Mann hatte sich das Genick an der Wagendecke gebrochen. So zumindest reimte sie sich den Vorgang zusammen – und vielmehr mochte sie sich auch gar keinen anderen Grund für den großen Blutfleck ausdenken, der von dort schon halb heruntergetropft war.

Dann war da noch eine umgeworfene Pritsche, auf die sie vielleicht geschnallt gewesen war. Das hatte ihr wohl das Leben gerettet. Noch einmal setzte sie sich in den Fahrerraum und öffnete diesmal das Handschuhfach. Freudige Überraschung, als dort ein belegtes Sandwich zum Vorschein kaum und ein Navigationsmodul. So unwirklich das alles hier war – gemessen an dem Wahnsinn, den sie in Washington erlebt hatte, kam ihr das alles noch wie ein Traum vor. Das Navi hatte keinen Strom mehr, aber sie konnte noch ein Ladekabel aus dem Fach zu Tage fördern. Die geladene Karte machte es offiziell. Sie stand mitten in New York City und jetzt wusste sie auch, wohin das Fahrzeug unterwegs gewesen war. Und genau dort würde ihr nächstes Ziel liegen. Vorbei an einem Autowrack, das der Lieferwagen wohl gestreift hatte, bevor er umgekippt und auf der Seite liegengeblieben war, führte ihr Weg jetzt nach Norden. Und dank Navigationssoftware wusste sie jetzt auch, dass sie gute 45 Minuten zu Fuß unterwegs sein würde, auf der Suche nach Antworten!

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