033 – Offline

chap008

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»Mein Name ist Dr. Brandon Newton, und ich …«, er kämpfte mit sich, um weiter in das Okular der Kamera zu blicken, während er unter Schmerzen fortfuhr,«es ist Tag 33 nach X, wir haben den 19. Juli 2020.« Ein Hustenanfall ließ ihn kurz abbrechen, bis er sich wieder halbwegs gefangen hatte. »Wir sind so lange wie möglich auf Sendung geblieben, aber gestern haben wir den Kontakt nach Boston, New York und dem Rest der Welt verloren – endgültig, wie es scheint. Ich hatte fest mit Hilfslieferungen gerechnet, stattdessen haben Angehörige der Nationalgarde letzte Woche unsere letzten medizinischen Vorräte geplündert.«

Wieder verfiel der Doktor in einen krampfartigen Hustenanfall. Er griff in die ausgeleierte Tasche seines Kittels und kramte ein Spray hervor, dass er kurz schüttelte, am Mund ansetzte und versuchte den Sprühstoß so tief wie möglich in seine Lungen aufzusaugen, doch der Inhalator war leer. Mühsam kämpfte er gegen den Hustenreiz an, bis er sich wieder halbwegs unter Kontrolle hatte.

»Wir sind ein Universitätskrankenhaus, verdammt. Der größte Teil des Personals besteht aus Medizinern in Ausbildung und die sind ebenfalls überfordert oder sind zum Walter-Reed aufgebrochen, um Verstärkung zu holen, da Internet und Telefone schon seit Wochen tot sind. Wir sitzen also quasi auf dem Trockenen. Und wie es aussieht, sind uns die Antihistamine ausgegangen. Wie lange wir noch ohne aushalten, ich weiß es nicht! Ich fürchte, dies ist meine letzte Übertragung. Wenn Sie das hören, wenn Sie in der Lage sind zu helfen, bitte helfen Sie uns!« – der nächste Hustenanfall war heftig und holte den schlaksigen Mediziner fast von den Beinen.

Sie hatte genug gesehen und drückte die Stopptaste auf dem Bildschirm und das Video verschwand und machte einer Liste mit Einträgen Platz. Eine Liste aller empfangenen Übertragungen während der ersten Monate nach dem Tag X. Ihr Blick verdunkelte sich. Sie hatte in den Aufzeichnungen so viel Leid und Schmerz gesehen. Und sie war schuld. Nicht alleine natürlich, aber sie hatte zu den wenigen Eingeweihten gehört, die etwas hätten unternehmen können, als noch Zeit gewesen war. Am Ende hatte sie aber ihre Befehle gehabt und die bestanden darin, den Zwischenfall auszusitzen und mit dem Rest der Regierung zu verschwinden.

Jeden verdammten Morgen seither sah sie für 5 Minuten in den Spiegel, um sich die Tragweite ihrer Aufgabe ins Gedächtnis zu rufen: Sie musste den entstandenen Schaden beheben und der Menschheit ein Leben ohne Gasmasken und Schutzanzügen wiederbringen. Und daraus schöpfte sie die Kraft, um nicht verrückt zu werden und weiterzumachen. Das Telefon blinkte nervös auf, aber sie wusste bereits, wer am anderen Ende auf sie wartete. Sie beschloss, ihn weiterhin zu ignorieren. Seit die Nachrichten vom erneuten Ausbruch der ReGenesis-Züchtung von der Aufklärung bestätigt wurden. Der Präsident hatte sie eine Verrückte genannt und versucht auszubooten. Aber sie hatte sich in ihrem New Yorker Labor verschanzt und wollte erst wieder herauskommen, wenn sie die Lösung gefunden hatte. Zeit ist das Feuer, in dem wir verbrennen, dachte sie an ein altes Zitat von Delmore Schwartz.

Im selben Moment spürte sie die erste Erschütterung und nach ihr kamen noch viele weitere, in der Tat, die Zeit zerrann ihr zwischen den Fingern. Bevor die massive Stahltür am Eingang des unterirdischen Komplexes gesprengt wurde, aktivierte sie ihr Notfallprotokoll, ihr letzter, rettender Strohhalm und der gesamte Bunker wurde mit der ReGenesis-Formel kontaminiert. Wenn es eine Lösung gab, dann jetzt oder nie!

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