032 – Innenleben

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[…]

Angela war tot. War sie doch, oder? Etwas Großes und Schweres hatte sie am Kopf getroffen. Und doch war da noch etwas. Sie fiel durch eine dunkle Leere. Weder konnte sie etwas sehen noch hören. Konnte das sein? War sie in einem Zwischenleben gefangen? In all den Jahren bei der Army hatte sie viel erlebt. Vieles davon hatte sie versucht zu vergessen und hinter sich zu lassen und doch waren alle Erinnerungen noch hier. Von ihrem ersten Einsatz, in dem sie als unerfahrene Rekrutin eine Kameradin mit einem Querschläger getroffen und getötet hatte, bis zu ihrem Verrat an van Veidt und der Falle für Frederiksen. Sie hatte in ihrem Leben so viel falsch gemacht und doch war sie immer aus jeder dieser scheinbar auswegslosen Situationen entkommen.

Von Ferne grolle Donner und sie spürte sanften Regen auf der Haut. Die Schwärze wollte sie aber noch nicht hergeben. War sie wie durch ein Wunder erneut gerettet worden? Aber irgendetwas war anders. Nicht dieses unwirkliche Nirgends, in dem sie versunken war, sondern in ihr selbst. Wenn sie das hier überlebte, musste sich in ihrem Leben etwas ändern. Und das war kein frommer Vorsatz, es war ihr absoluter Ernst.

Sie hatte in ihrer Karriere das Glück oder Pech gehabt, unter die Obhut von starken Anführern zu kommen. Mentoren, die für das höhere Ziel bereit waren, Ihre Ideale zu begraben und das zu tun, was nötig war, um ans Ziel zu kommen. Sie hatten gemordet, betrogen, gelogen und alles zu einem hohen Preis. Und sie hatten Angela dort mit hineingezogen und nicht entkommen lassen.

Als der Tag X kam, die Armee sich auflöste und sich in ihre Bestandteile zersetzte, war sie von jetzt auf gleich ziellos geworden. Um ehrlich zu sich selbst zu sein, hatte sie nie eigene Ziele verfolgt, sie hatte immer nur für die nächste Mission gebrannt. Und das hatte sie innerlich ausgehöhlt. Sie hatte sich zurückgezogen und von einem Tag auf den nächsten gelebt. Den Kontakt zu ihrer Familie hatte sie schon lange verloren, warum in alten Wunden rühren.

Sie hatte sich selbst gehasst und sich für alles die Schuld gegeben. Wie eine so starke Frau solche Minderwertigkeitskomplexe vor sich herschob. Im Einsatz war sie immer oben auf gewesen, hatte zielstrebig das gemacht, was von ihr erwartet und verlangt worden war. Auf eigenen Beinen zu stehen hatte sie nie gelernt. Und dann war eines Tages Peter Schneider wieder in ihr Leben getreten. Der Deutsche hatte vor Jahren mit ihr gedient, hatte sie in Afghanistan vor der Miliz beschützt. Für sie war er als ehemaliger Kamerad das Nächste, was an einen Freund herankam. Und er hatte sie von der Straße geholt und zu Forbes gebracht.

Und als hätte sie sich nach Führung gesehnt, war sie eingestiegen und hinter Schneider die Nummer 2 bei Außeneinsätzen geworden. Alles war wieder beim Alten und nur so konnte sie funktionieren. Bis dann Forbes sie zum verdeckten Einsatz gegen Frederiksen schickte und sich alles änderte. Es fühlte sich schon eine Weile nicht mehr gut, nicht mehr vertraut an. Frederiksen, aber auch Amy und die anderen Reagenzglasschwinger schienen in der neuen Welt noch unbeholfener zu sein, als Angela. Sie brauchten ihren Schutz. Es war ein schleichender Prozess gewesen, aber gegen ihre Schutzbefohlenen zu handeln führte zu einer Änderung ihrer Realität, ihrer Wahrheit. Sie wollte Amy beschützen, nicht weil sie Fracht war, nein, weil sie inzwischen zu etwas anderem geworden war. Das Wort Familie wirkte zu schwer und klobig und wollte nicht so ganz passen. Aber konnte sie Freunde haben, außerhalb der Kameradschaft einer Truppe? Und was machte das aus ihr?

Sie musste das hier überleben, sie musste die Chance haben, ihre Freunde zu beschützen. Sie musste die Gelegenheit bekommen, Forbes gegenüberzutreten und ihm die Meinung zu sagen. Sie war erwachsen geworden und das durfte ihr ein schneller Tod nicht nehmen, obwohl sie dann bei dem gestorben wäre, was ihr zum ersten Mal wichtiger als ein Missionsziel gewesen war. Aber das durfte nicht sein und … Angela öffnete die Augen.

[…]

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