030 – Dem Wahnsinn ergeben

chap008

Kapitel 8: New York sehen und sterben

Wie war sie hierher gekommen? Sie wusste es nicht. Das Letzte, an was sie sich bewusst erinnerte, war ein riesiges Etwas, dass auf sie und die Anderen aus der Gruppe Jagd gemacht hatte. Dann hatte sie das Bewusstsein verloren und kaum, dass sie es wiedererlangt hatte, floh sie schon wieder. Jedoch war ihr weder bewusst, vor was oder wem, noch warum, nur dass das hier etwas anderes sein musste. Oder nicht? Warum hielt sie nicht einfach an und fand es heraus? Aber ihr Körper wollte ihr nicht gehorchen, wollte immer nur weiter rennen und rennen. Ziellos rannte sie durch enge Gassen und Straßen, doch das hier war nicht mehr Washington. Irgendetwas war ihr zugestoßen und ihr Gehirn versuchte, durch Vergessen der Situation Herr zu werden. Amy, Du bist nicht mehr in Kansas, dachte sie.

Dann war das letzte bisschen Luft in ihren Lungen verbraucht und sie fiel auf die Knie. Der Bann schien gebrochen und ihr Verstand übernahm wieder das Handeln. Gegen ihre Atemlosigkeit ankämpfend ließ sie ihren Blick umherwandern. Langsam wurde ihre Atmung wieder gleichmäßiger, bis ihr Gehirn wieder ausreichend mit Sauerstoff versorgt war und ihr klar wurde, dass sie mitten auf einer Straße einer Großstadt kniete. Alles um sie herum wirkte verlassen, verwitterte Autowracks säumten die Straßen. Man hatte sie vor Jahrzehnten schon komplett ausgeplündert. Gigantische Wolkenkratzer ragten über ihr in einen bewölkten Himmel, während ein leichter Nieselregen prasselte. Erst dann tastete sie erschrocken nach ihrer Maske und musste feststellen, dass sie keine mehr trug. Wie auch immer sie hergekommen war, es grenzte an ein Wunder, dass sie nicht schon längst an einem akuten Asthmaanfall erstickt war.

Das inzwischen viel zu vertraute Gefühl der Ahnungs- und Hilflosigkeit breitete sich in ihrem Kopf aus und verklang langsam zu einem dumpfen Pochen in ihren Schläfen. Sie blickte sich erneut um und suchte nach bekannten Mustern oder Gebäuden, aber diese Stadt war für sie unbekannt. Die Straßen verliefen schnurgerade auf den Horizont zu und je weiter sie sich vorkämpfte, desto größer schienen die Häuser zu werden. Große Paläste aus Stahl und Glas, die in den letzten Jahren sehr gelitten hatten. Ein steifer Wind blies durch die Straßen und ihr die Tropfen ins Gesicht.

Wo auch immer sie war, das war nicht mehr Washington. Sie ging ihre letzten Erinnerungsbrocken durch, konnte sich aber nach ihrer Bewusstlosigkeit an rein gar nichts mehr erinnern. Wo verdammt nochmal war sie nur gelandet. Und noch viel wichtiger, wo waren die anderen? Und vor was war sie geflohen, bzw. von wo gekommen? Im Moment schien sie hier mutterseelenallein zu sein. Es blieb ihr also nur zu versuchen, ihre letzten Schritte zurückzuverfolgen, um zu ihrem Ursprungsort zu kommen. Und da sie die Luft in der Stadt noch nicht umgebracht hatte, würde es das hoffentlich auch nicht innerhalb der nächsten 30 Minuten tun.

Moment, Angela hatte sie zur Seite geworfen und ihr damit wahrscheinlich das Leben gerettet. Aber auch von ihr keine Spur. Und die Soldaten? Alle tot? Von was immer sie da angegriffen hatte zermalmt? Sie ließ ein Stoßgebet los, dass dies hoffentlich nur ein Traum war, und sie bald wieder wach. Jetzt stand ihr aber erstmal ein kleiner Spaziergang bevor. Wieder vollends bei Puste drehte sie sich in die Richtung, aus der sie glaubte, gekommen zu sein und marschierte los. Welche Richtung das auch immer war.

[…]

 

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