027 – Infektiös

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»Also? Was sehe ich mir da an?«, Ephraim Foster III sah zu seinem Assistenten Jimmy, der ihm einen Bogen bunter Bilder unter die Nase hielt. Jimmy war jede Farbe aus dem Gesicht gewichen. »Es ist unfassbar!«, überartikulierte Dr. Browning und wirkte dabei wie eine überzeichnete Comicfigur, nicht wie der Nobelpreisträger auf Schlafentzug, der er war, »Projekt Purity, etwas muss als Katalysator gewirkt haben. So etwas hätten wir uns in unseren kühnsten Träumen nicht erdacht!« – auf den großen A3-Fotos konnte man Satellitenaufnahmen von Nordamerika sehen, die ein empfindliches Thermo-Objektiv vom nahen Erdorbit ausgemacht hatte. Waren die ersten Bilder noch wenig auffällig, so waren auf den Letzten die Städte Boston, Washington und Baltimore tiefrot eingefärbt. »Meine Herren, Sie haben mich spätestens bei Ihrem Exkurs über die Pflanzenkulturen verloren. Was ist passiert? Und hilft uns das irgendwie bei unserem Problem?«

Browning, der mit seinen 92 Jahren einer der ältesten Zeitzeugen war, unterdrückte seine übersprudelnde Begeisterung kurz, um den Anführer der freien Welt sehr ernst zu mustern: »Sir, was wir hier gerade miterleben, hat in etwa die Bedeutung des Manhatten Projekts – das ist lebende Geschichte und mehr wert, als ihre Bevölkerungskontrolle!« – Das Gesicht des Präsidenten verfinsterte sich: »Mit allem nötigen Respekt, Dr. Browning, aber wenn uns das nicht aktiv hilft, das wilde Pflanzenwachstum aufzuhalten, wird der gesamte Kontinent in wenigen Wochen nicht bewohnbar sein. »2 Wochen, Sir«, mischte sich Jimmy ein, »durch den Katalysator ist diese Entwicklung noch beschleunigt worden! Sie sehen hier auf der Karte, dass sich die Quarantänezone alleine in den letzten 12 Stunden genauso schnell ausgebreitet hat, wie in den letzten 12 Monaten davor. Es wird ernst, Sir, und ich bin mir nicht sicher, wie wir der neuen Bedrohung Herr werden sollen …« – »Herr werden? Papperlapapp, dass ich nicht lache! Sie haben die Kontrolle verloren, als Sie diese Durchgeknallte mit einem Kanister Benzin und einem Streichholz in den Wald geschickt haben!«, verhöhnte ihn der Doktor.

»Ich verstehe Sie also richtig«, setzte der Präsident an, »dass wir das hier auf herkömmlichem Wege nicht mehr aufhalten können? Dass wir aufgeben sollen? Jetzt wo wir kurz davor waren, die Maske fallen zu lassen und uns unser geliebtes Amerika zurückzuholen?« Foster stützte sich herausfordernd auf beide Arme und blitzte zu den beiden anderen herüber. Sie hatten nach den Unterlagen von Projekt Purity gesucht, um dem Schrecken ein Ende zu setzen und es nicht schlimmer zu machen. Doch jetzt hatte seine wissenschaftliche Beraterin etwas so Fahrlässiges und Dummes getan, dass die Welt vielleicht gerade endgültig in den Abgrund blickte. Er ließ sich wieder in seinen breiten Ledersessel zurücksinken und faltete die Hände, um sein Gesicht für einen Moment darin zu vergraben. Als er wieder aufsah, hatte er seine Entschlossenheit zurückgewonnen, die ihm vor inzwischen so vielen Jahren den Wahlsieg eingebracht hatte. »Verzweifelte Zeiten bedürfen mutiger Taten! Wir müssen das tun, was wir schon vor Jahren hätten tun sollen und den ganzen Wildwuchs niederbrennen, bis nichts mehr übrig ist! Und diese Wahnsinnige setzten Sie fest! Es wird Zeit, dass wir ihren Mann hier herbringen. Alles endet hier und das noch gestern!« Jimmy nickte kurz und zog den Doktor rückwärts aus der Bibliothek.

Die Zeiten mochten verzweifelt sein, aber Feuer mit Feuer zu bekämpfen war das Letzte, was sie tun sollten. Der alte Mann hörte aber schon lange auf keinen seiner Berater mehr, war von der Phantasie, seine Präsidentschaft mit einem Sieg gegen Mutter Natur zu krönen, besessen. Dabei waren sie nicht mehr als eine Schattenregierung, die sich am Tag der Katastrophe vor bald 18 Jahren unter Tage in einem Bunker verkrochen hatte, um im Geheimen die große Rückkehr an die Oberfläche und die erneute Machtergreifung vorzubereiten. Der Wahnsinn musste endlich ein Ende haben und Jimmy Stevens würde zur richtigen Zeit das richtige tun, davon war er überzeugt.

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