023 – Das Wohl der Schwester

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Amy hatte ein letztes Mal mit dem Krankenhaus telefoniert und sich über den Zustand ihrer Schwester erkundigt. Immer noch hatte sie das Bild ihrer Schwester mit all den Schläuchen und Maschinen, an denen sie hing, nur allzu klar vor Augen. Ihr Streit – der Grund, warum sie jahrelang nicht miteinander gesprochen hatten, kam ihr auf einmal so lächerlich und lapidar vor.

Es war ein Unfall gewesen – so hatte die Nachtschwester versucht Amy schonend beizubringen, dass ihre Schwester seit den frühen Abendstunden im Koma lag, nachdem die Ärzte viele Stunden um ihr Leben gekämpft hatten. Das Krankenhaus hatte ja mehrfach versucht, Amy zu erreichen. Warum hatte sie nur geschlafen? Zelda war am Nachmittag auf dem Weg durch die Stadt. Vielleicht wollte sie noch etwas einkaufen oder kam gerade von der Arbeit? Der Militärtruck hatte sie von hinten geschnitten und auf die Haube genommen. Augenzeugen wollten gesehen haben, wie ihr Körper quer über die Straße geschleudert wurde und dann bewegungslos liegen blieb. Und der Truck sei weiter gefahren, ohne auch nur kurz anzuhalten.

Die Geschichte klang wie ein grausames Klischee und wollte für Amy keinen Sinn ergeben. Militärtrucks waren kaum noch auf den Straßen unterwegs, in der Innenstadt waren sie eigentlich verboten. Und bei helllichtem Tag konnte man doch nicht so einfach jemanden übersehen. Und dann Fahrerflucht begehen? Diese neue Mission kam absolut zur falschen Zeit. Es war Amys Aufgabe als große Schwester hier zu bleiben und alles, was möglich war, für Zelda zu tun. Aber sie konnte nicht absagen. Wenn Amy ihren Status verlieren würde, könnte sie erst recht nichts für sie tun. Sie ertappte sich kurz bei dem Gedanken, van Veidt um Hilfe zu bitten, widerstand allerdings. Etwas in ihr wehrte sich dagegen, fremde Hilfe auch nur in Erwägung zu ziehen. Sie hatte ihre Schwester ganz alleine aufgezogen, sie musste auch das schaffen. Alles andere war für sie ein Armutszeugnis. Unsinnig und stur, aber sie wollte auf keinen Fall verletzlich wirken.

Am Ende war sie mit Schwester Barbara so verblieben, dass sie Amy umgehend eine Nachricht zukommen lassen würde, sollte sich am Zustand Zeldas etwas ändern. Dann hatte Amy vom Quartiermeister ein frisches Set aus Bioanzug und Ausrüstung abgeholt und war zu den anderen in die alte russische Antonov gestiegen, die sie erst nach Miami und dann auf einen der Flugzeugträger der neuen Kalifornischen Republik bringen würde, die vor der Westküste auf Aufklärungsmission lagen. Amy kannte das Prozedere schon. Sie hatte Frederiksen und das Team jetzt schon 5-6 Mal begleitet, seit sie vor einem Jahr von van Veidt angeworben wurde.

Das war eines der Angebote, die man nicht zurückweisen konnte. Davor hatte Amy in einem Zelt in der Trabantenstadt gelebt, wo sie sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser gehalten hatte. Mehr schlecht, als recht, denn seit ihre kleine Schwester damals im Streit in die Arme ihres Fluglotsen geflohen war, war Amy zuerst in eine Depression verfallen und musste sich erst wieder ins Leben – sofern man es so nennen mochte – zurückkämpfen. Sie hatte Botengänge für einige hiesige Banden unternommen, oder auch kleinere Einbruchs- und Diebstahlsmissionen. Und offen gesagt hatte sie van Veidt bei einem solchen Diebstahl erwischt. Ihrer guten Schulbildung vor der Katastrophe hatte sie es zu verdanken, von ihm aufgenommen worden zu sein. Sie durfte zuerst beim Sanford Konsortium regenerative Medizin studieren, bevor sie sich dann der Botanik zu wandte – ihre Mum war auch schon Botanikerin gewesen und hatte in Amy früh den Wunsch für diese Wissenschaft entfacht.

Sie wurden kräftig durchgeschüttelt, als die Maschine über das von Schlaglöchern übersäte Flugfeld rollte. Diesen Teil hasste sie am meisten und ihr Magen schlug einen Purzelbaum, wenn sich der Schub beim Start plötzlich nach unten verlagerte und das Gewicht auf ihren Körper drückte. Sie beschloss den fehlenden Schlaf nachzuholen und lehnte sich in ihrem Sessel zurück, während die Anderen rege über den erneuten Ausflug nach DC diskutierten. Kaum hatte sie die Augenlider geschlossen, war sie auch schon ins Traumland abgetaucht.

Ende Kapitel 6

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